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Böden unter Druck

Bis zu 40 Prozent der Böden weltweit sind in einem desaströsen Zustand, warnt die UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung in ihrem aktuellen Bericht. Schuld daran ist die Landwirtschaft. Wie kann diese gefährliche Entwicklung gebremst werden?

Luftansicht eines trockenen Feldes, auf dem zwei Männer mit einem pferdegezogenen Pflug eine tiefe Furche graben.
Die Landwirtschaft ist einer der Hauptverursacher von Bodendegradation - wie hier auf einem Feld in der Türkei. (UNCCD/Ali Altin)

Die Vereinten Nationen schlagen Alarm: Ganze Landstriche veröden, Wüsten und Steppen breiten sich in nie dagewesener Geschwindigkeit aus. Das geht aus dem Bericht „Global Land Outlook 2“ hervor, den die Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) im Mai 2022 vorgelegt hat. Bereits jetzt sind weltweit zwischen 20 und 40 Prozent aller Böden degradiert. Von der Versteppung betroffen sind vor allem Regionen in Asien, Afrika und Südamerika, aber auch in europäischen Ländern wie Spanien. Beispiellose Umweltzerstörung und ein erheblicher Beitrag zur Erderwärmung sind die Folgen.

Fast die Hälfte der Weltbevölkerung bekommt diese Auswirkungen hautnah zu spüren. Vor allem ärmere, ländliche Gemeinden, Kleinbauern und indigene Völker werden unverhältnismäßig stark getroffen. Rechnet man die geschätzten Kosten der weltweiten Folgen von Wüstenbildung, Bodendegradation und Dürren zusammen, dann steht etwa die Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts auf dem Spiel – was rund 44 Billionen US-Dollar entspricht.

Moderne Landwirtschaft schadet den Böden

Warum die Böden in so einem schlechten Zustand sind, wird ebenfalls im Bericht thematisiert: Es liegt an der Art und Weise, wie derzeit im großen Stil Landwirtschaft betrieben wird. Wenn Agrarpflanzen großflächig in Monokulturen angebaut werden und wenn Viehzucht im industriellen Maßstab praktiziert wird, laugen die Böden aus und die Entwaldung wird vorangetrieben.

„Die moderne Landwirtschaft hat das Gesicht unseres Planeten stärker verändert als jede andere menschliche Tätigkeit.“, sagt UNCCD-Exekutivsekretär Ibrahim Thiaw. „Wir müssen dringend unsere globalen Lebensmittelsysteme überdenken, die für 80 Prozent der Entwaldung und 70 Prozent des Süßwasserverbrauchs verantwortlich sind und die größte Ursache für den Verlust der biologischen Vielfalt auf dem Land darstellen."

Neben der Beschreibung des gegenwärtigen Zustands ermöglicht der UNCCD-Bericht zudem einen Blick in die Zukunft: Wenn die Menschheit so weitermacht wie bisher, dann wird der Druck auf die Böden weiter zunehmen. Insbesondere die Nachfrage nach Lebensmitteln und der steigende Bedarf an Futter für Nutztiere spielt eine enorm große Rolle – und damit auch der gesamte Konsum tierischer Produkte.

Da die weitverbreitete industrielle Landwirtschaft den Boden schnell degradieren lässt, werden für die Lebensmittelproduktion immer neue landwirtschaftliche Flächen benötigt. Bodenerosion und abnehmende Fruchtbarkeit führen zu sinkenden Erträgen, wodurch eine Negativspirale in Gang gesetzt wird: Die Agrarflächen werden ausgedehnt, Schutzgebiete verkleinert und der Gesamtzustand der Böden verschlechtert sich. Bis zum Jahr 2050 könnte auf diese Weise eine Gesamtfläche von der Größe Südamerikas degradiert sein. Diese Entwicklung beeinflusst noch dazu den Klimawandel: Intakte Böden speichern große Mengen an Kohlenstoff. Degradiert der Boden allerdings, dann kann der gespeicherte Kohlenstoff nicht länger gehalten werden – und verstärkt die globale Erwärmung. Der UNCCD-Bericht empfiehlt darum, deutlich stärker auf regenerative Landwirtschaft zu setzen. Mit ökologischen Anbaumethoden wird die Nährstoffqualität der Böden verbessert und die Ernteerträge könnten langfristig gesehen durch die intakten Böden sogar gesteigert werden.

Bodenschonende Alternativen sind bekannt

Alternativen zum Business-as-Usual-Szenario sind durchaus bekannt: Würden bodenschonenden Maßnahmen auf 35 Prozent der Landfläche umgesetzt – was 50 Milionen Quadratkilometer entspricht – dann würde dies bereits zu einer deutlichen Entspannung der Lage führen. Auf das Pflügen verzichten, Bäume auf Feldern und Weiden pflanzen (Agroforstwirtschaft) und Schutz vor Bodenerosion könnten die Bodenfruchtbarkeit um fünf bis zehn Prozent in den meisten Entwicklungsländern verbessern. Durch diese Maßnahmen können die Böden wieder mehr Kohlenstoff speichern – aber die Artenvielfalt würde dennoch weiter abnehmen. Noch erfolgsversprechender wäre darum ein weiteres Szenario, bei dem zusätzlich eine Fläche von vier Millionen Quadratkilometer unter Schutz gestellt wird – idealerweise Gebiete mit hoher Artenvielfalt.

Der Bericht der UNCCD zeigt auf, wie weitreichend die Maßnahmen sein müssen, damit die derzeitige katastrophale Entwicklung zumindest abgemildert werden. „Als endliche Ressource und unser wertvollstes Naturgut können wir es uns nicht leisten, Land weiterhin als selbstverständlich anzusehen“, sagt UNCCD-Exekutivsekretär Thiaw. „Investitionen in die großflächige Wiederherstellung von Land sind ein wirksames und kosteneffizientes Instrument zur Bekämpfung von Wüstenbildung, Bodenerosion und Verlusten in der landwirtschaftlichen Produktion.“

115 Länder haben sich derzeit verpflichtet, bis zum Jahr 2030 einer Milliarde Hektar degradierter Flächen wiederherzustellen. Das erfordert Investitionen von 1,6 Billionen US-Dollar innerhalb dieses Jahrzehnts. Das ist zwar beträchtlich, wäre aber nur ein Bruchteil der Ausgaben, die derzeit zur Subvention fossiler Brennstoffe und Landwirtschaft ausgegeben werden.

UNCCD Die Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung

Das Problem der Verwüstung tauchte in den 1970er-Jahren erstmals auf der Agenda der Vereinten Nationen auf, angesichts einer verheerenden Dürrekatastrophe in der Sahelzone zwischen 1968 und 1973. Im Jahr 1974 beschloss die UN-Generalversammlung, das Thema auf internationaler Ebene anzugehen.

Es sollte allerdings noch weitere 18 Jahre dauern, bis im Jahr 1992 auf der wegweisenden UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro der Beschluss fiel, die sogenannte Wüstenkonvention einzurichten. Während sich die Weltgemeinschaft rasch auf die Klimarahmenkonventionen und die Biodiversitätskonvention einigen konnte, zögerten vor allem die OECD-Staaten, eine Konvention zur Bekämpfung der zunehmenden Desertifikation einzurichten. Sie fürchteten die Verpflichtung auf Zahlungen. Erst durch den Druck der Gruppe der 77 inklusive China lenkten die OECD-Staaten ein und stimmten der Einrichtung der Wüstenkonvention zu.

Die Konvention wurde 1994 in Paris ausgearbeitet und ist seit 1996 in Kraft. Sie hat das Ziel, die Ausbreitung von Wüsten und Trockengebieten einzudämmen. Die Umsetzung kommt nur langsam voran – auch weil die Geberländer die betroffenen Länder nur zögerlich unterstützen.

Sandra Kirchner

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