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Das Ende vom Einwegplastik?

Historischer Beschluss: Um die weltweite Verschmutzung mit Plastik zu begrenzen, soll ein international verbindliches Abkommen bis Ende 2023 verhandelt werden. Das haben Delegierte auf der fünften UN-Umweltversammlung in Nairobi (UNEA) Anfang März beschlossen.

Am Ufer eines Gewässers, in dem sich Palmen spiegeln, liegt jede Menge Plastikmüll.
Plastikmüll an einem Strand von Timor Leste. (UN Photo/Martine Perret)

Jubel und Applaus branden auf, als Espen Barth Eide in Nairobi den Hammer aus recyceltem Plastik senkt. Das Plastik für den eigens angefertigten Hammer mit blauem Kopf stammt aus Dandora, eine der größten Müllkippen Ostafrikas, die vor den Toren der kenianischen Hauptstadt liegt. Mit einem Hammerschlag besiegelt Eide, Umweltminister von Norwegen und Präsident der fünften Umweltversammlung der Vereinten Nationen (UNEA), die Annahme einer historischen Resolution: Die UN wollen die Plastikverschmutzung beenden und bis 2024 ein internationales rechtsverbindliches Abkommen beschließen. „Die Plastikverschmutzung hat sich zu einer Epidemie ausgewachsen. Mit der heutigen Resolution sind wir offiziell auf dem Weg zur Heilung“, sagte Eide in Nairobi am 2. März 2022.

Ein solches Abkommen ist überfällig, weil in den vergangenen Jahren immer mehr Plastik in Umlauf gebracht wurde. Etwa 400 Millionen Tonnen Plastik werden jedes Jahr produziert – davon werden schätzungsweise zwölf Prozent verbrannt und nur neun Prozent der produzierten Kunststoffe werden recycelt, heißt es in einem Bericht des UN-Umweltprogramms (UNEP). Der Rest landet entweder auf wilden Mülldeponien, oder wird unkontrolliert in der Umwelt entsorgt. Etwa elf Millionen Tonnen Kunststoffe gelangen jedes Jahr in die Ozeane, wo sie gigantische Müllstrudel gebildet haben und das Leben im Meer belasten. Zudem zersetzt sich Plastik nur langsam. Die kleinsten Teilchen, sogenanntes Mikroplastik, wurden bereits in den Meeren, im Boden, in der Luft sowie in der Nahrungskette nachgewiesen.

Internationale Koordination soll Plastikflut eindämmen

Laut Prognosen wird sich die Plastikproduktion in den nächsten zwei Jahrzehnten weiter verdoppeln und die Menge, die jährlich in die Meere gelangt, beinahe verdreifachen – wenn nicht gegengesteuert wird. Einzelne Länder haben bereits ambitionierte Maßnahmen ergriffen. So ist es seit 2008 in Ruanda verboten, Plastiktüten zu importieren, zu produzieren oder zu verkaufen. Deutschland hat im vergangenen Sommer 2021 nachgezogen und Einweg-Plastik wie Trinkhalme, Plastikgeschirr oder To-go-Becher verboten.

So sinnvoll die Maßnahmen einzelner Länder sind, sie reichen nicht aus, um die Plastikflut zu bremsen – zumal die Plastikverschmutzung nicht an geografischen Grenzen halt macht. Um das Plastikproblem zu lösen, braucht esinternationale Koordination. Wenn etwa mehr Kunststoffe recycelt werden sollen, sind gemeinsame Standards unverzichtbar. Weil manche Länder gar kein Plastik produzieren, aber trotzdem unter der Plastikvermüllung leiden, muss der gesamte Produktzyklus von Kunststoff auf den Prüfstand gestellt werden.

Die jetzt in Nairobi beschlossene Resolution enthält noch keine konkreten Festlegungen. Aber das geplante Abkommen soll den vollständigen „Lebenszyklus“ von der Quelle bis zum Meer behandeln, es geht also um alle Schritte vom Design, über Herstellung, Gebrauch und Wiederverwertung bis zur Entsorgung im Müll. Erstmals könnten Obergrenzen für die Produktion neuer Kunststoffe aus fossilen Rohstoffen erlassen werden. Außerdem soll es Kontrollmaßnahmen sowie finanzielle Unterstützung für Entwicklungsländer geben.

Ein historischer Moment für den Umweltschutz

„Dies ist ein historischer Moment“, sagte Inger Andersen, Exekutivdirektorin des UN-Umweltprogramms bei der UNEA-Konferenz. Ein globales Plastikabkommen sei das wichtigste internationale multilaterale Umweltabkommen seit dem Pariser Klimaabkommen, das 2015 verabschiedet wurde. „Es liegt noch viel Arbeit vor uns, um das schiere Ausmaß der Plastikverschmutzung in den Griff zu bekommen“; sagte Andersen. Wenn es gelinge, das Abkommen richtig hinzubekommen, sei es ein Startschuss für eine Kreislaufwirtschaft, die enorme Vorteile mit sich bringe.

Der Auftrag zur Aushandlung eines Plastikabkommen wurde von 175 UN-Mitgliedsstaaten angenommen; dazu soll ein zwischenstaatlicher Verhandlungsausschuss eingerichtet werden, der noch in diesem Jahr die Verhandlungen aufnehmen und bis zum nächsten Jahr einen Vertragstext entwickeln soll.

Bei der dreitägigen Umweltkonferenz UNEA kamen 3.000 Delegierte in Nairobi zusammen, 1.500 Weitere nahmen online an den Gesprächen teil. Die Umweltkonferenz, die im Jahr 2014 erstmals tagte, ersetzte das bis dahin existierende Steuerungsorgan des UN-Umweltprogramms, den UNEP-Verwaltungsrat, in dem Delegierte aus 58 Staaten für jeweils drei Jahre saßen. Die Reform des Umweltprogramms wurde 2012 in Rio de Janeiro beschlossen und mit einer Entscheidung des UNEP-Verwaltungsrats umgesetzt. Ziel war es, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen deutlich aufzuwerten. Damit ging eine bessere Ausstattung von finanziellen Ressourcen und Personal einher. Alle 193 UN-Mitgliedsstaaten sind seither Mitglied im UNEP.

Mit wachsenden Umweltbelastungen musste auch UNEP erweitert werden

Das UN-Umweltprogramm UNEP wurde 1972 in Stockholm gegründet und sollte die Umweltpolitik weltweit voranbringen und international koordinieren. Allerdings erhielt das UNEP nur ein schwaches Mandat. Es wurde als ein Sonderorgan unter der UN-Generalversammlung installiert, doch ein festes Budget oder eigenständige Handlungsfähigkeiten in der Umweltpolitik fehlten. Wegen zahlreicher, immer drängender werdenden Umweltproblemen wie Luftverschmutzung, Chemikalienbelastung, Klimawandel, Entwaldung oder Plastikvermüllung wurde es notwendig, dass die internationale Gemeinschaft ein gut ausgestattetes Forum erhält, um Umweltpolitik zu diskutieren und zu organisieren.

Auf der jetzigen Umweltversammlung wurden insgesamt 14 Entschlüsse zur Eindämmung der Umweltverschmutzung und zum Schutz und der Wiederherstellung der Natur gefasst. Die UN-Umweltversammlung hat weiterhin eine Resolution zu den sogenannten „Nature-Based Solutions“ (naturbasierte Lösungen) gefasst. Dabei geht es um Umweltschutzmaßnahmen, die auch beim Kampf gegen den Klimawandel helfen oder die Artenvielfalt erhalten –das Wiedervernässen von Mooren hilft beispielsweise CO2-Emissionen zu senken.

In Nairobi konnte sich die internationale Staatengemeinschaft auf eine gemeinsame Definition von „Nature-Based Solutions“ einigen. Bei der Klimakonferenz in Glasgow 2021 wurde das Thema zwar diskutiert, aber letztlich nicht im Pakt von Glasgow verankert. Kritische Stimmen finden den Begriff zu vage und fürchten, dass Unternehmen oder internationale Organisation sich unter Einsatz solcher Maßnahmen grün waschen.

Von Sandra Kirchner

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