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Ein Schritt vor und zwei zurück?

Der Wert des globalen Index für menschliche Entwicklung (HDI) ist zwei Jahre in Folge gesunken. Die Fortschritte der vorherigen fünf Jahre wurden damit zunichte gemacht. Anhaltende globale Unsicherheiten belasten auch die Psyche, wie UNDP in seinem jüngsten „Human Development Report“ beschreibt.

Auf grünem Hintergrund steht in weißer Schrift: "Uncertain Times, Unsettled Lives: Shaping our Future in a Transforming World"
Der Human Development Report 2021/2022

Im neuen Bericht über die menschliche Entwicklung (HDR) 2021/22 “Uncertain Times, Unsettled Lives: Shaping our Future in a Transforming World” dokumentiert das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) Rückschritte bei der menschlichen Entwicklung, wie sie seit Beginn der Erfassung noch nie vorgekommen sind. In den Pandemie-Jahren 2020 und 2021 ist zum ersten Mal in der Geschichte der globale Wert des Human Development Index (HDI) gesunken, und das so stark, dass sich die Welt auf das Niveau von 2016 – kurz nach Verabschiedung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und des Pariser Klimaabkommens – zurückgeworfen sieht.

Zwar kommt es jedes Jahr vor, dass der HDI-Wert in einigen Ländern zurückgeht. Doch in den Jahren 2020 und 2021 mussten laut Aussage des Berichts 90 Prozent aller Länder derartige Einbußen hinnehmen. Eine gewisse Erholung hat bislang nur teilweise und ungleichmäßig stattgefunden: Vor allem Länder mit einem sehr hohen HDI-Wert haben sich wieder verbessern können, während die meisten übrigen Länder einen kontinuierlichen und zum Teil erheblichen Rückgang verzeichneten. Deutschland lag 2019 mit einem HDI-Wert von 0,947 auf Platz 6 im globalen Ranking. 2021 ging der HDI-Wert auf 0,942 zurück, im Ranking fiel Deutschland auf Platz 9 zurück. Indien als Land mit mittlerer menschlicher Entwicklung verzeichnete einen Rückgang des HDI-Wertes von 0,645 auf 0,633 und im Südsudan, derzeit Schlusslicht mit niedriger menschlicher Entwicklung, fiel der HDI-Wert von 0,433 auf 0,385.

Psychische Folgen

Die negativen Auswirkungen der Pandemie auf den Lebensstandard, auf Gesundheit und Bildung – den Dimensionen, die der HDI erfasst – gehen weltweit mit gravierenden psychischen Folgen einher. Dem wird im diesjährigen Bericht ein deutlicher Schwerpunkt gewidmet: So beschreibt UNDP, dass im ersten Jahr der Pandemie Depressionen und Angstzustände um mehr als 25 Prozent zugenommen haben. Besonders gravierend seien die Auswirkungen für Kinder.

Psychische Probleme schränken die Freiheit der Menschen ein, das Leben zu leben, das sie aus guten Gründen schätzen, und behindern damit die menschliche Entwicklung. Als Gesundheitsproblem werden sie oft unterschätzt, dabei sind die Folgen weitreichend. Bei Kindern können psychische Belastungen den Schulbesuch und das Lernen beeinträchtigen. Bei Erwachsenen schränken sie nicht selten die Fähigkeit ein, einen Arbeitsplatz zu finden und voll produktiv zu sein. In einem generationenübergreifenden Kreislauf aus psychischen Problemen und sozioökonomischer Not werde Ungleichheit fortgeschrieben, warnt der Bericht.

Wachsende Unsicherheit

Die Pandemie ist nur eine der Ursachen, die zu einer zunehmenden Verunsicherung der Menschen beitragen. Der Bericht identifiziert drei neue wesentliche Quellen von Unsicherheit auf globaler Ebene, die sich zu einem „neuen Unsicherheitskomplex“ summierten. Die erste steht im Zusammenhang mit dem gefährlichen planetarischen Wandel im Anthropozän und seinen Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen Ungleichheiten. Es ist zu befürchten, dass die Unsicherheiten des Anthropozäns – einschließlich der Gefahr weiterer Pandemien – nicht nur das physische, sondern auch das psychische Wohlbefinden der Menschen aufs Spiel setzen: durch traumatisierende Ereignisse, körperliche Beschwerden, Angst vor dem Klimawandel und Ernährungsunsicherheit.

Zweitens steht die Welt am Anfang eines gravierenden Strukturwandels, ähnlich wie einst beim Übergang von Agrar- zur Industriegesellschaften. Der Übergang zu neuen Formen des Wirtschaftens und der Organisation von Industriegesellschaften ist mit Unsicherheiten behaftet, denn er bringt Gewinner und Verlierer hervor.

Drittens verschärft sich die politische und gesellschaftliche Polarisierung sowohl innerhalb einzelner Länder als auch international. Viele Nationen leiden unter dem Druck von Polarisierung, politischem Extremismus und Demagogie, der durch soziale Medien, künstliche Intelligenz und andere mächtige Technologien noch verstärkt wird. Die Verbreitung von Desinformationen über digitale Medien hat in vielen Gesellschaften zu rapiden Demokratierückschritten beigetragen.

Kontrollverlust

Der Bericht ist ein starkes Plädoyer dafür, die psychischen Belastungen im Zusammenhang mit all diesen Herausforderungen ernst zu nehmen. Denn Unsicherheit lähmt die Handlungsfähigkeit. Sie führt zu Zweifeln, ob die Entscheidungen, die man trifft, zu den gewünschten Ergebnissen führen werden. Der Verlust der gefühlten Kontrolle hat negative Folgen wie die Tendenz, nach Schuldigen zu suchen und Institutionen und Eliten zu misstrauen. Auch Nationalismus und gesellschaftliche Uneinigkeit nehmen zu.

Zum ersten Mal in der Geschichte sind die vom Menschen verursachten existenziellen Bedrohungen größer als die, die von Naturgefahren ausgehen, stellt der HDR fest. „Eine frustrierende Ironie des Anthropozäns besteht darin, dass wir zwar mehr Macht haben, unsere Zukunft zu beeinflussen, aber nicht unbedingt mehr Kontrolle über sie haben“, heißt es in dem Bericht.

Die Pandemie als Testlauf

Zwar führt Unsicherheit zu Verunsicherung, sie birgt aber auch die Chance auf Veränderungen – durchaus auch zum Besseren. Der HDR plädiert dafür, die Corona-Pandemie als eine Art Testlauf für die Gestaltung unserer globalen Zukunft zu sehen. Es gelte daraus zu lernen, um es in Zukunft besser machen zu können. Der Bericht verweist auch auf Erfolge wie die rasante Entwicklung neuer Impfstoffe, von denen einige auf „revolutionären“ Technologien beruhen. Diese „außergewöhnliche Leistung in den Annalen der Menschheit“ habe in einem Jahr schätzungsweise 20 Millionen Menschenleben gerettet. Gleichzeitig habe die Covid-19-Pandemie ebenso viel mit Ungleichheit, schlechter Führung und Misstrauen zu tun, wie mit Varianten und Impfstoffen.

Um den Menschen zu helfen, mit dem neuen Unsicherheitskomplex umzugehen, empfiehlt der Bericht politisches Handeln in drei wichtigen Bereichen. Es brauche Investitionen, ob in erneuerbare Energien oder um besser auf Pandemien vorbereitet zu sein. Versicherungen, einschließlich sozialer Absicherung, können das Auf und Ab in einer unsicheren Welt abfedern. Und schließlich können technische, wirtschaftliche und kulturelle Innovationen helfen, mit künftigen Herausforderungen besser umzugehen. Es gelte, menschliche Potenziale freizusetzen und Kreativität und Vielfalt zu nutzen.

Und es gilt, die psychologische Dimension stärker zu berücksichtigen. „Wenn wir die gegenwärtigen und zukünftigen Ängste der Menschen nicht verstehen und die zugrundeliegenden Ursachen nicht angehen, wenn wir kein Vertrauen und das Versprechen einer besseren Zukunft aufbauen, wird es noch schwieriger sein, einen zielgerichteten, gerechten und nachhaltigen Wandel zu erreichen", warnt der Bericht.

Für ein neues Verständnis von Entwicklung

UNDP spricht sich für ein neues Verständnis von Entwicklung aus. Lebensstandard, Gesundheit und Bildung bleiben zwar weiterhin wichtig. Doch, so Pedro Conceição, Hauptautor des Berichts: „Wir müssen auch den Planeten schützen und den Menschen die Instrumente an die Hand geben, die sie brauchen, um sich sicherer zu fühlen, wieder ein Gefühl der Kontrolle über ihr Leben zu bekommen und Hoffnung für die Zukunft zu haben.”

Entwicklung sollte als ein Prozess verstanden werden, der sowohl durch die Anpassung an eine sich entfaltende unbekannte Realität als auch durch die gezielte Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft gekennzeichnet ist. Durch eine Verringerung des Drucks auf den Planeten und die Förderung von Inklusion ließen sich auch einige der Unwägbarkeiten reduzieren.

„Wir haben bei den Lebenshaltungskosten und der Energiekrise gesehen, dass schnelle Lösungen wie die Subventionierung fossiler Brennstoffe zwar verlockend sind, dass aber taktische Soforthilfen die langfristigen Systemveränderungen verzögern, die wir vornehmen müssen", sagt UNDP-Administrator Achim Steiner. Krisen könnten zwar Gelegenheiten für bahnbrechende Maßnahmen bieten, heißt es in dem Bericht. Doch man täte besser daran, überlegt und proaktiv zu handeln, als immer wieder nur auf Notsituationen reagieren.

Von Christina Kamp

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