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Gutes Essen – nicht für alle in Deutsch­land

Der Begriff Ernährungsarmut bedeutet weitaus mehr, als er vermuten lässt. Gute Ernährung hat auch eine soziale Komponente und ist nicht für alle Menschen selbstverständlich.

In einer Cafetaria sitzen an mehreren Tischen Männer und Frauen.
UN Photo/Laura Jarriel

Ernährungsarmut beschreibt eine Situation, in der Menschen keinen ausreichenden Zugang zu ange­messenen und nahr­haften Lebens­mitteln haben. Dieser fehlende Zugang kann physisch sein, wenn sie zum Beispiel weit entfernt von Lebens­mittel­geschäften leben oder ökonomisch, wenn ihnen das Geld fehlt, um ausreichende Lebensmittel zu kaufen. Dabei geht es nicht nur um die Quantität der Lebens­mittel, sondern auch um deren Qualität. Nehmen die Menschen nur Kalorien zu sich oder auch ausreichend Mikro­nähr­stoffe, die der Körper braucht?

Doch Essen bedeutet viel mehr als nur Nahrungs­aufnahme. Ein Geburtstags­kuchen, ein gemeinsames Mittag­essen in der Kantine, ein Kaffee mit Freunden: Essen ist zentral für die gemein­schaftliche Teilhabe, die soziale Zugehörig­keit und die psychische Gesundheit. Muss eine Person ihren Konsum auf das absolute Minimum reduzieren und ihr Ernährungs­verhalten erlaubt es nicht, soziale Beziehungen aufzubauen oder Sitten und Gebräuche einzuhalten, dann haben wir es mit sozialer Ernährungs­armut zu tun. Eine gesunde, aus­reichende Ernährung ist ein Menschen­recht, völker­rechtlich verankert in Artikel 11 des UN-Sozial­paktes – und in Deutsch­land, einem der reichsten Länder der Welt, ein Privileg für viele Menschen.

Alltag für Millionen Menschen in einem reichen Land

Ernährungsarmut hat viele Ursachen, die häufig in Kombination auftreten: u. a. zu wenig Geld, mangelnde Ernährungs­kompetenzen, ein ungenügendes Lebens­mittel­angebot und Strukturen, die die Produktion und Vermarktung von energie­dichten und nähr­stoff­armen Produkten begünstigen. Immer mehr Menschen in Deutschland fehlen das Geld oder die Kenntnisse, um sich aus­reichend und aus­gewogen zu ernähren. Gutes Essen gibt es nur für die, die wissen, wie eine gesunde, abwechslungs­reiche Ernährung funktioniert, die sich in dem Label-Dschungel im Super­markt zurechtfinden, die in der Lage sind, die Tricks der Werbe­industrie zu durchschauen. Bevölkerungs­gruppen mit einem niedrigen sozio­ökonomischen Status – zum Beispiel kinder­reiche Familien, Allein­erziehende, Beschäftigte im Niedrig­lohn­sektor, Nicht­erwerbs­tätige, Personen mit niedrigem Bildungs­niveau oder Sprach­barrieren – sind über­proportional nicht nur von Ernährungs­armut, sondern auch von ihren gravierenden gesund­heitlichen Folgen betroffen, wie Über­gewicht, Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Laut der Ernährungs- und Land­wirtschafts­organisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization – FAO) sind rund vier Millionen Menschen von materieller Ernährungs­armut betroffen, Tendenz steigend. Da finanzielle Armut einer der Haupt­risiko­faktoren für Ernährungs­armut ist, ist es aber sehr wahr­scheinlich, dass noch mehr Menschen davon betroffen sind, zumindest zeitweise.

Im Jahr 2024 waren 13 Millionen Menschen in Deutsch­land von Armut bedroht oder betroffen – und vor allem am Ende des Monats reicht das Ein­kommen häufig nicht aus. In den sogenannten »Streck­wochen« kommen dann häufiger nur noch Nudeln oder Milch­reis auf den Tisch. Elf Prozent aller Haus­halte konnten sich 2024 nicht einmal jeden zweiten Tag eine Mahl­zeit mit Fleisch, Fisch oder einer vegetarischen Protein­alternative leisten, für neun Prozent der Bevölkerung war es unmöglich, wenigstens einmal im Monat mit Freunden oder Familie essen oder etwas trinken zu gehen. Die Inflations­krise der letzten Jahre hat die Lage noch verschärft: Lebens­mittel kosten heute im Durch­schnitt über 30 Prozent mehr als 2021 und es ist nicht zu erwarten, dass die Preise wieder deutlich sinken werden.

Was muss sich ändern?

In der 2024 verabschiedeten Ernährungs­strategie der Bundes­regierung wird Ernährungsarmut als Problem anerkannt. Doch es fehlt an Vorschlägen für konkrete Maß­nahmen. Diese braucht es jedoch, um allen Menschen in unserem Land zu ermöglichen, genug Geld zur Verfügung zu haben, um sich ausreichend und gut zu ernähren – und die Gestaltung von Strukturen, die gutes Essen zur einfachsten Option machen. Um Ernährungs­armut endlich nicht mehr zu bekämpfen, sondern vorzubeugen.

Silvia Monetti, Verbraucherzentrale NRW e.V.