Gutes Essen – nicht für alle in Deutschland
Der Begriff Ernährungsarmut bedeutet weitaus mehr, als er vermuten lässt. Gute Ernährung hat auch eine soziale Komponente und ist nicht für alle Menschen selbstverständlich.

Ernährungsarmut beschreibt eine Situation, in der Menschen keinen ausreichenden Zugang zu angemessenen und nahrhaften Lebensmitteln haben. Dieser fehlende Zugang kann physisch sein, wenn sie zum Beispiel weit entfernt von Lebensmittelgeschäften leben oder ökonomisch, wenn ihnen das Geld fehlt, um ausreichende Lebensmittel zu kaufen. Dabei geht es nicht nur um die Quantität der Lebensmittel, sondern auch um deren Qualität. Nehmen die Menschen nur Kalorien zu sich oder auch ausreichend Mikronährstoffe, die der Körper braucht?
Doch Essen bedeutet viel mehr als nur Nahrungsaufnahme. Ein Geburtstagskuchen, ein gemeinsames Mittagessen in der Kantine, ein Kaffee mit Freunden: Essen ist zentral für die gemeinschaftliche Teilhabe, die soziale Zugehörigkeit und die psychische Gesundheit. Muss eine Person ihren Konsum auf das absolute Minimum reduzieren und ihr Ernährungsverhalten erlaubt es nicht, soziale Beziehungen aufzubauen oder Sitten und Gebräuche einzuhalten, dann haben wir es mit sozialer Ernährungsarmut zu tun. Eine gesunde, ausreichende Ernährung ist ein Menschenrecht, völkerrechtlich verankert in Artikel 11 des UN-Sozialpaktes – und in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, ein Privileg für viele Menschen.
Alltag für Millionen Menschen in einem reichen Land
Ernährungsarmut hat viele Ursachen, die häufig in Kombination auftreten: u. a. zu wenig Geld, mangelnde Ernährungskompetenzen, ein ungenügendes Lebensmittelangebot und Strukturen, die die Produktion und Vermarktung von energiedichten und nährstoffarmen Produkten begünstigen. Immer mehr Menschen in Deutschland fehlen das Geld oder die Kenntnisse, um sich ausreichend und ausgewogen zu ernähren. Gutes Essen gibt es nur für die, die wissen, wie eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung funktioniert, die sich in dem Label-Dschungel im Supermarkt zurechtfinden, die in der Lage sind, die Tricks der Werbeindustrie zu durchschauen. Bevölkerungsgruppen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status – zum Beispiel kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Beschäftigte im Niedriglohnsektor, Nichterwerbstätige, Personen mit niedrigem Bildungsniveau oder Sprachbarrieren – sind überproportional nicht nur von Ernährungsarmut, sondern auch von ihren gravierenden gesundheitlichen Folgen betroffen, wie Übergewicht, Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Krankheiten.
Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization – FAO) sind rund vier Millionen Menschen von materieller Ernährungsarmut betroffen, Tendenz steigend. Da finanzielle Armut einer der Hauptrisikofaktoren für Ernährungsarmut ist, ist es aber sehr wahrscheinlich, dass noch mehr Menschen davon betroffen sind, zumindest zeitweise.
Im Jahr 2024 waren 13 Millionen Menschen in Deutschland von Armut bedroht oder betroffen – und vor allem am Ende des Monats reicht das Einkommen häufig nicht aus. In den sogenannten »Streckwochen« kommen dann häufiger nur noch Nudeln oder Milchreis auf den Tisch. Elf Prozent aller Haushalte konnten sich 2024 nicht einmal jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder einer vegetarischen Proteinalternative leisten, für neun Prozent der Bevölkerung war es unmöglich, wenigstens einmal im Monat mit Freunden oder Familie essen oder etwas trinken zu gehen. Die Inflationskrise der letzten Jahre hat die Lage noch verschärft: Lebensmittel kosten heute im Durchschnitt über 30 Prozent mehr als 2021 und es ist nicht zu erwarten, dass die Preise wieder deutlich sinken werden.
Was muss sich ändern?
In der 2024 verabschiedeten Ernährungsstrategie der Bundesregierung wird Ernährungsarmut als Problem anerkannt. Doch es fehlt an Vorschlägen für konkrete Maßnahmen. Diese braucht es jedoch, um allen Menschen in unserem Land zu ermöglichen, genug Geld zur Verfügung zu haben, um sich ausreichend und gut zu ernähren – und die Gestaltung von Strukturen, die gutes Essen zur einfachsten Option machen. Um Ernährungsarmut endlich nicht mehr zu bekämpfen, sondern vorzubeugen.
Silvia Monetti, Verbraucherzentrale NRW e.V.