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Von großen Ozeanstaaten, Superfrauen und vom Klima - Impressionen von der UN-Klimakonferenz in Bonn

Eine traditionelle fidschianische "Talanoa Session".

Eine traditionelle fidschianische "Talanoa Session". Das Konzept der "Talanoa" beinhaltet offenen und transparenten Dialog über Meinungsunterschiede hinweg und ist von der fidschianischen COP23-Präsidentschaft zum Motto der Klimakonferenz erklärt worden. Üblicherweise wird im Rahmen einer "Talanoa Session" der traditionelle Trunk Kava gereicht. (Foto: Oliver Hasenkamp)

von DGVN-Vorstandsmitglied Gabriele Köhler, erstmals veröffentlicht im Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung

In Bonn geht die Klimakonferenz in die zweite Woche. In korrekter Formulierung ist es die 23. Konferenz der Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention (COP23). Und nach der Euphorie von Paris, wo 2015 das Klimaabkommen verabschiedet wurde, fragt man sich zunächst, worum es denn jetzt schon wieder geht. Im Grunde um alles: um Menschenrechte, Frauenrechte, Klima- und ökologische Gerechtigkeit ebenso wie um Sozial- und Wirtschaftspolitik. Eindrücke von der ersten Konferenzwoche von DGVN-Vorstandsmitglied Gabriele Köhler.


Das System muss sich ändern, wenn die Menschheit auf diesem Planeten weiterleben möchte. Es geht darum, radikale Veränderungen wie die Dekarbonisierung zu finanzieren und Mittel zu finden, Menschen und Länder für die durch den Klimawandel verursachten Verwüstungen zu entschädigen. Auf den einfachsten Punkt gebracht geht es darum, wie die Erderwärmungsgrenze von 1,5 Grad eingehalten werden kann. 

Noch besteht Hoffnung

Noch besteht Hoffnung, dass sich dieses Ziel einhalten lässt, aber nur, wenn alle Länder und alle Unternehmen umdenken und radikal anders handeln würden. Das Pariser Klimaabkommen hat einen Rekord erstellt: 169 Länder haben in kürzester Zeit das Abkommen ratifiziert. 165 Länder haben ihren national geplanten Beitrag zur Treibhausgasminderung (INDC: Intended Nationally Determined Contribution) bekanntgegeben. Summiert man jedoch die Beiträge, wird die Erderwärmung weiterhin um 3 Grad zunehmen. Damit würden aber viele der Inselstaaten und Küstenstreifen buchstäblich im Meer versinken. Artenvielfalt würde weiterhin vernichtet. Katastrophale Stürme wie die Taifune und Hurrikane der letzten Monate würden sich weiter verschärfen und vervielfachen. 

Deswegen ist es hilfreich, dass die COP23 von Fidschi ausgerichtet wird, denn die INDCs müssen radikal nachgebessert werden, und die Auftritte der Pazifikvertreterinnen und Pazifikvertreter gehen unter die Haut. „Wir sind nicht kleine Inselstaaten“ – so wird die Gruppe der Small Island Developing States (SIDS) offiziell im UN-Kontext bezeichnet; das ist wohlmeinend, aber de facto herablassend. „Wir sind in Wirklichkeit riesige Ozeanstaaten“, sagen ihre Vertreter, denn zu vielen dieser Länder gehören Meeresflächen von mehr als 100.000 km2. 

Fidschi: Kein Verständnis für nördliche Kohlesucht

In ihren Interventionen bei offiziellen und informellen Verhandlungsrunden und auf den zivilgesellschaftlichen Panels analysieren die VertreterInnen aus dem Pazifik die Dringlichkeit von Maßnahmen, den Klimawandel zu stoppen. Sprecherinnen wie Noeleen Nabulivou und Maria Nailevu von der Fidschianischen NGO Diverse Voices and Action (DIVA) for Equality fordern den Norden auf, sich von seiner Kohlesucht („addiction to coal“) zu lösen und den CO2- und Stickstoffausstoß einzudämmen. Sie weisen auf den Zusammenhang zwischen dem profitorientieren extraktiven Kapitalismus und der Zerstörung der Umwelt hin. Und sie verknüpfen das mit Forderungen nach Frauen- und LGBTI-Rechten. 

Auf der COP23 tritt auch Anote Tong auf, ehemaliger Präsident von Kiribati. Er hat während seiner Amtszeit mit öffentlichen Geldern Land auf Fidschi angekauft, damit die 100.000 Bewohner von Kiribati, wenn es – vermutlich 2020 – ansteht, in Ruhe und geeint übersiedeln können. „Migration with dignity” nennt er das zu Recht. Bisher waren es meist reiche Oberschichtfamilien aus den Inselstaaten gewesen, die sich individuell absicherten und Eigentumswohnungen in Singapur, Australien oder Europa kauften, in die sie werden umziehen können; dass eine ganze Community das Recht auf Umsiedlung bekommt, ist noch relativ neu. 

Auf Fidschi haben solche Umsiedlungen bereits 2014 begonnen. Beteiligte aus dem Dorf Vunidogoloa auf der Insel Vanua Levu berichten von der existentiellen Not – sie haben ihren traditionellen Lebensunterhalt in der Küstenfischerei und Fischverarbeitung verloren – und von ihrer Traurigkeit, als sie das Heimatdorf verlassen mussten. Aber sie hatten keine Wahl, als das Meer Teile ihrer Insel eroberte.

Was die Interventionen so eindringlich macht: stringente wissenschaftliche politökonomische Analyse wird verknüpft mit persönlichen Erzählungen von der Weisheit der Vorfahren, mit Tanz und Gesang, die eine Form aufgeklärter Spiritualität vermitteln.

Vielgliedrige Zivilgesellschaft

Zu der Konferenz kommen im Verlauf der 12-tägigen Verhandlungen in Bonn geschätzte 25.000 Menschen. Zu den 197 Länderdelegationen – den Parteien des Abkommens – gesellt sich auch das amerikanische Bündnis We are still in: VertreterInnen von neun Bundesstaaten und Hunderten von indigenen Gruppen, Städten, Universitäten und Unternehmen, die eigenständig das Klimaabkommen umsetzen werden, auch wenn die USA als Staat 2019 austreten.

Die Zivilgesellschaft ist im Klimaprozess mit neun Gruppen repräsentiert. Diese vertreten Umweltverbände, indigene Völker, Städte und Gemeinden, Landwirtschaft, Gewerkschaften, die Jugend, Wissenschaft, Frauen und Gender. 

Die Frauen- und Gender-Gruppe z.B. spricht - basisdemokratisch organisiert - für 27 Dachverbände aus allen Kontinenten und setzt sich u.a. für die Umsetzung und Finanzierung des Aktionsplans zu Gendergerechtigkeit ein, den die COP-Staaten seit 2014 versprechen.

Die neunte – und übrigens älteste – Gruppierung ist die Privatwirtschaft und Industrie, die sehr früh erkannt hat, worum es bei den Klimaverhandlungen geht. Die Erdöl-, Erdgas- und Kohleindustrie und Unternehmen, die ihre Produktionsprozesse auf diese und andere Ressourcen stützen, tun ihr möglichstes, die Verhandlungen in ihrem Interesse zu beeinflussen und zu steuern. Die Kernenergie wiederum wittert eine Chance und hofft auf ihre Rehabilitierung – oft nur in Nebensätzen wird erwähnt, dass sie die sauberste und effizienteste Alternative zu Kohle sei. Auch aufstrebende Mächte wie China, Indien oder Südafrika verteidigen eine Kombination aus Kohle und Nuklearenergie. 

Mit Humor und Ästhetik

Worum es aber eigentlich ginge ist, wie erneuerbare und genuin sichere Energiequellen rasch und egalitär ausgebaut werden können, damit die 1,2 Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu Energie haben, endlich Anschluss bekommen. Es geht darum, die Landwirtschaft ökologisch umzustellen. Und es geht darum, welche sozialpolitischen Maßnahmen die Arbeitslosigkeit abfedern werden, die z.B. aus einem Kohleausstieg resultiert. 

Die Länder des globalen Südens argumentieren zu Recht: Für all diese Umstellungen müssen Finanzmittel aus dem reichen globalen Norden bereitgestellt werden. Er muss auch die säkularen Schäden der rücksichtslosen Industrialisierung abtragen. Dazu sind mindestens 100 Milliarden Dollar jährlich nötig (und das ist sicher eine Unterschätzung). Hinzu kommen die Aufwendungen, um die Schäden aus akuten Umweltkatastrophen zu schultern. Darum wird auf dieser Konferenz gerungen.

Zwei unkonventionelle Hilfsmittel charakterisieren die Klimaverhandlungen. Das eine ist Humor und Satire. Als der frühere UN-Generalsekretär Ban Ki-moon als PR-Coup die Comicfigur Wonderwoman zur virtuellen Botschafterin für Gleichberechtigung kürte, waren viele empört. Nicht so die Women and Gender Constituency, die flugs den gelben Umhang der Wonderwoman-Figur umfunktionierten und sich Capes umhängten: sie alle seien Superfrauen und Heldinnen. So auch das Wortspiel der NGO-Abkürzung DIVA – wie eine Diva agieren. 2009 schon tagte das gesamte Kabinett der Malediven in Taucheranzügen unter Wasser, um drastisch und plastisch klarzumachen, was ein steigender Meeresspiegel für Atollstaaten bedeutet. 

Das zweite Element ist der Appell an die Ästhetik. “WE WILL NEVER GIVE UP ON THIS BEAUTIFUL PLANET” ist ein schlagkräftiger Slogan bei den Klimaverhandlungen und dieser Konferenz. Der Satz umschließt eigentlich alles, worum es geht.

Gabriele Köhler ist Entwicklungsökonomin und Senior Research Associate des UN-Forschungsinstituts für Soziale Entwicklung (UNRISD).