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„Zuhause“ heißt nicht immer sicher: Städte in der Pandemie

Der Mangel an angemessenem Wohnraum hat die Corona-Pandemie verschärft und zugleich wirkt sich die Pandemie auf die Wohnsituation vieler Menschen aus. Im Oktober machten die Vereinten Nationen auf Zusammenhänge zwischen urbanen Herausforderungen und dem Corona-Pandemiegeschehen aufmerksam.

Eine von UN-Habitat aufgestellte Handwasch-Stelle im Slum Mathare in Nairobi (Kenia) im April 2020.
Eine von UN-Habitat aufgestellte Handwasch-Stelle im Slum Mathare in Nairobi (Kenia) im April 2020. (Foto: UN-Habitat/Julius Mwelu)

Wenngleich sich die Pandemie mittlerweile nicht mehr auf die Städte beschränkt, hat sich nach UN-Schätzungen mit circa 90 Prozent bislang jedoch der größte Teil des Pandemiegeschehens dort abgespielt. Laut einem „Policy Brief“ der Vereinten Nationen spielt die hohe Bevölkerungszahl und die starke globale und lokale Vernetzung großer Städte dabei eine Rolle. Derzeit leben etwa 55 Prozent der Weltbevölkerung in Städten.

Doch zuhause zu bleiben, von zuhause zu arbeiten oder zuhause zu lernen ist für viele Menschen auf der Welt im Pandemie-Jahr 2020 keine sichere oder gar keine Option. Während angemessener Wohnraum derzeit eine der Hauptverteidigungslinien gegen das Corona-Virus SARS-CoV-2 darstellt, leben fast 1,8 Milliarden Menschen auf der Welt in überfüllten oder unzulänglichen Wohnverhältnissen, in Slums oder unter slum-ähnlichen Bedingungen oder sind obdachlos. Darauf weist das Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen (UN-Habitat) hin, das angefangen mit dem „World Habitat Day“ am ersten Montag im Oktober bis zum „World Cities Day“ am 31. Oktober jedes Jahr im Oktober zentrale Fragen urbaner Nachhaltigkeit beleuchtet.
 

Welt-Habitat-Tag 2020: “Housing For All”

Die Pandemie wirft ein Schlaglicht auf ein zentrales Anliegen von UN-Habitat: angemessene Wohnbedingungen für alle. So stand der diesjährige „World Habitat Day“ am 5.10. unter dem Motto ‘Housing for All: A Better Urban Future.’ UN-Habitat-Direktorin Maimunah Mohd Sharif machte deutlich, dass die wichtigsten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie – Abstand halten, Hände waschen, zuhause bleiben – für viele Menschen auf der Welt kaum einzuhalten seien. Zum Schutz vor Gesundheitsrisiken und als Grundbedingung für ein Leben in Würde sei angemessener Wohnraum von zentraler Bedeutung.

In Städten wie London, Singapur und New York City hat sich gezeigt, dass die Corona-Pandemie räumliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichheiten verschärft. Ohnehin schon benachteiligte Gruppen sind von Covid-19 stärker betroffen als besser gestellte. Entsprechend empfehlen die Vereinten Nationen den Regierungen eine Corona-Politik, die Ungleichheiten verringert, die Menschenrechte stärkt und die Widerstandsfähigkeit besonders gefährdeter Gruppen erhöht.

Bezüglich der Versorgung mit adäquatem Wohnraum gehört dazu der Schutz vor Kündigungen und Zwangsräumungen, wenn Menschen aufgrund von Jobverlusten ihre Miete oder ihre Kreditraten nicht mehr zahlen können. Im August hatte der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Wohnen, Balakrishnan Rajagopal, Regierungen weltweit aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Menschen in der Corona-Pandemie ihren Wohnraum nicht verlieren. Außerdem müssen temporäre Unterkünfte zur Selbst-Isolation für Menschen bereitgestellt werden, deren Wohnumfeld dazu keine Möglichkeit bietet. Zum Schutz vor häuslicher Gewalt brauche es sichere Zufluchtsorte und zur Verbesserung der Hygiene muss in die Wasser- und Sanitärversorgung investiert werden.
 

Internationaler Städtetag 2020: Gemeinschaften wertschätzen

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig die Gemeinschaften vor Ort bei der Bewältigung großer Herausforderungen sind. Auf kreative und pro-aktive Weise suchen und finden sie Lösungen. Mit dem „World Cities Day“ am 31.10. lenkte UN-Habitat die Aufmerksamkeit auf Bürgerinitiativen, Nachbarschaftshilfe und soziale Bewegungen und spricht sich für eine stärkere und systematische Einbindung der Bevölkerung in Entscheidungsprozesse aus.

In der Vergangenheit haben Epidemien wie die Spanische Grippe oder Tuberkulose- und Cholera-Ausbrüche in Städten durchaus langfristige positive Veränderungen bewirkt, z. B. die Einführung von Abwassersystemen, öffentlichen Parks und Richtlinien für den Wohnungsbau. So wurden die Sanitärversorgung verbessert und allzu beengte Wohnsituationen verringert. Auch in der Corona-Krise braucht es innovative, nachhaltige Lösungen, um strukturelle Schwachstellen anzugehen, die die Pandemie offengelegt hat.
 

Rückschläge auf dem Weg zu nachhaltiger Stadtentwicklung

Nicht nur den Staaten, auch den Städten und Kommunen bricht in der Krise ein großer Teil ihrer Steuereinnahmen weg. Geraten Städte finanziell in Not, gefährdet das Investitionen in zentrale Infrastruktur, kann zu Kürzungen im öffentlichen Dienst führen und Anstrengungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung untergraben. So führt auch der Rückgang der Fahrgastzahlen im öffentlichen Personennahverkehr zu gravierenden Einnahmeverlusten und gefährdet den Ausbau und die Weiterentwicklung umweltfreundlicher Verkehrsmittel, die im Kampf gegen den Klimawandel so dringend gebraucht werden.
 

„Besser und grüner“

UN-Generalsekretär António Guterres betont, dass der Neustart nach der Pandemie eine Gelegenheit sei, urbanes Leben neu zu denken, den Klimaschutz voranzubringen und sich an die Realität dieser und zukünftiger Pandemien anzupassen. Dass die Menschheit sich auch in Zukunft auf Pandemien einstellen müsse und diese sogar häufiger auftreten und höhere Totenzahlen verursachen werden, prognostiziert der Biodiversitätsrat der Vereinten Nationen (IBPES). Zu den Faktoren, die zu dieser Entwicklung beitragen, zähle auch die Urbanisierung.

Durch Programme zur Stützung und Förderung der Wirtschaft können Städte zukunftsfähiger werden. Dafür müssen jedoch die Regierungen den Schwerpunkt auf Bereiche legen, in denen das Potenzial für ökologischen Wandel, die Verringerung von Ungleichheit und die Schaffung von Arbeitsplätzen besonders groß ist. Bei vielen der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) drohen gravierende Rückschläge in Folge der Corona-Pandemie. Das Ziel 11, Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig zu gestalten, ist nicht nur ein wichtiges Ziel an sich, sondern kann auch viele andere SDGs unterstützen.
 

Weitere Informationen:

Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES): IPBES Workshop on Biodiversity and Pandemics. Executive Summary. Bonn, 2020.

Office of the High Commissioner on Human Rights (OHCHR): Protecting the right to housing in the context of the COVID-19 outbreak. 2020

Report of the Special Rapporteur on adequate housing as a component of the right to an adequate standard of living, and on the right to non-discrimination in this context, Balakrishnan Rajagopal. 27. Juli 2020.

UN-Habitat: World Cities Report 2020. The Value of Sustainable Urbanization. Nairobi, 2020.

United Nations: Policy Brief COVID-19 in an Urban World
 

Christina Kamp

 

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