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Wer übernimmt Verantwortung in der Plastikkrise?

Plastik ist in aller Munde – im wahrsten Sinne des Wortes. Kaffeebecher, Strohhalme, Verpackungen: Sie sind das Material der Plastikkrise. Millionen Tonnen Plastikmüll befinden sich bereits in der Umwelt. Kann ein staatenübergreifendes Abkommen zur Müllentsorgung für Abhilfe sorgen?

Plastikmüll, der bei einer UNEP-Kampagne an einem Strand von Bali gesammelt wurde.
Plastikmüll, der bei einer UNEP-Kampagne an einem Strand von Bali gesammelt wurde. (Bali Beach Trash  UNEP/Shawn Heinrichs  CC BY-NC-SA 2.0)

Plastik ist omnipräsent. Aktuelle Zahlen des aktuellen Plastikatlas verdeutlichen den Regelungsbedarf im Umgang mit Kunststoffen. 8,3 Milliarden Tonnen verschiedenster Kunststoffe wurden zwischen 1950 und 2015 produziert, davon knapp die Hälfte allein nach der Jahrtausendwende. Das formbare Material ist vor allem deshalb so beliebt, weil es hitze- und kälteresistent, leicht sowie preiswert in der Herstellung ist. Neben den Bereichen Verkehr, Textilien und Baustoffe werden Kunststoffe am häufigsten nämlich zu über einem Drittel für Einwegverpackungen produziert und haben somit eine sehr geringe Lebenszeit, sodass bereits über 75 Prozent aller erzeugten Kunststoffe heute Müll sind. Doch trotz der weltweit steigenden Produktion und sich zuspitzenden Entsorgungsnot von Plastikmüll, konnten bisher nur 9 Prozent recycelt werden.

Auf der globale Politik-Agenda klettert das Plastikthema stetig nach oben. Auch die Vereinten Nationen widmen sich ihm seit einigen Jahren, zuletzt im Rahmen der 4. Umweltversammlung (UNEA-4) des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) im März dieses Jahres. Die UNEA tagt seit 2014 alle zwei Jahre in Nairobi. Dieses höchste Entscheidungsgremium der UN im Bereich der Umweltpolitik beschäftigt sich mit der Analyse und Auswertung nationaler und globaler Umweltdaten – zum Beispiel dem weltweiten Konsum von Einwegplastik – und fungiert als Vermittlerin zwischen Institutionen, Unternehmen und Zivilgesellschaft. Viele heute gültige und nicht mehr wegzudenkende internationale Umweltabkommen wurden hier erarbeitet.  

 

Die Plastikkrise verstärkt den Klimawandel

Im Pariser Klimaabkommen aus dem Jahr 2015 einigte sich die Staatengemeinschaft darauf, den Anstieg der globalen Erderwärmung deutlich unter 2,0 Grad Celsius und bestenfalls unter 1,5 Grad Celsius zu halten. Um dieses Ziel zu erreichen, stellte der Weltklimarat (IPCC) drei Jahre später fest, dass die globalen Treibhausgasemissionen hierfür bis 2050 bei Null liegen müssten.

Doch Plastik heizt die globale Klimakrise immer mehr an. Während 1950 noch 2 Millionen Tonnen Plastik jährlich produziert wurden, sind es heute über 400 Millionen Tonnen pro Jahr. Das Zentrum für Internationales Umweltrecht (CIEL) berechnete, dass bei den aktuellen Wachstumsraten allein die Produktion von Kunststoffen bis 2050 einen Ausstoß von 52,5 Gigatonnen Kohlendioxidäquivalent verursachen könnte. Zusammen mit den Emissionen aus der Verbrennung von Kunststoffmüll wären es mehr als 56 Gigatonnen. Allein Kunststoffe würden also die 10-13 Prozent des verbleibenden CO2-Budgets ausmachen. Hierbei bleiben klimaschädliche Emissionen, die durch Waldrodungen und die Erschließung neuer Infrastrukturen entstehen, die für die Raffinierung fossiler Rohstoffe und dessen Prozess bis hin zur Plastikware erforderlich sind, aufgrund mangelnder Daten unberücksichtigt.

Auch die Vermüllung der Weltmeere hat Auswirkungen auf das Klima. Entsprechend lag ein weiterer thematischer Schwerpunkt der UNEA-4 in der Stärkung der internationalen Zusammenarbeit gegen die zunehmende Verunreinigung der Meere mit Makro- und Mikroplastik. Über zehn Millionen Tonnen Plastikmüll landen jedes Jahr in unseren Weltmeeren. Dort verweilt er zum Teil über mehrere hundert Jahre und zersetzt sich durch die Sonneneinstrahlung und das Salzwasser in Kleinstpartikel, die von marinen Lebewesen aufgenommen werden. Durch den Verzehr von Fisch und Meeresfrüchte gelangt Mikroplastik zudem auch in den menschlichen Körper.

Neben den steigenden Temperaturen könnte auch die zunehmende Verunreinigung der Ozeane durch Mikroplastik die natürlichen Kohlendioxid-Speicher der Meere gefährden. Kohlenstoffdioxid wird nämlich mit der Hilfe von Plankton an der Meeresoberfläche gebunden und in die Tiefsee befördert. Schadstoffreiches Mikroplastik kann diese biologische Kohlenstoffpumpe beeinträchtigen: Weniger Kohlenstoffdioxid wird in den Meeren gespeichert und folglich ein höherer Anteil in der Atmosphäre verbleiben. 

 

Warum eine staatenübergreifende Regelung für Plastikmüll notwendig ist

Wenn der Plastikabfall nicht mehr recycelt oder entsorgt werden kann, wird er gewöhnlich verschifft. Nach den USA und Japan ist Deutschland weltweit drittgrößter Plastikmüllexporteur. Weltweit führender Importeur war bis Anfang 2018 China. Doch seit der Ankündigung der chinesischen Regierung im Januar 2018, zukünftig nur noch Plastikmüll mit einer Verunreinigung von weniger als 0,5 Prozent einzuführen, sanken die Importe um 90 Prozent. Als Folge dieses faktischen Importstopps wurden immer mehr Kunststoffe von Industriestaaten nach Thailand, Vietnam, Malaysia und Indonesien verschifft. Die Plastikeinfuhr nahm dort 2018 im Vergleich zum Vorjahr zum Teil um über 70 Prozent zu. Massive Überlastungen der Häfen und ein Anstieg illegaler Müllentsorgungen waren die Folge.

Eine Dauerlösung ist die Umverteilung des Mülls keinesfalls. Immer mehr südostasiatische Länder wehren sich mit Einfuhrbeschränkungen gegen die endlos scheinende Plastikflut. Konflikte wie zwischen den Philippinen und Kanada verdeutlichen die Notwendigkeit eines übergreifenden Regelungsbedarfs. Die philippinische Regierung verwehrte die Einfuhr von 69 Müllcontainern mit falsch deklariertem kanadischen Müll und drohte sogar mit „Krieg“, sollte es nicht zu einem Rücktransport des Mülls kommen.

 

Die UN schaffen einen globalen Rahmen

Der jüngste Beschluss der Basler Konvention könnte ein Fortschritt bei der globalen Abfallentsorgung bedeuten. Der Beschluss beinhaltet die Einstufung von Kunststoffmüll als besonders zu behandelnde Abfälle, die strengeren Kontrollen unterliegen und den Mitgliedstaaten fortan eine Informationspflicht über sämtliche Inhaltsstoffe des exportierten Mülls auferlegt. Dadurch sollen Entwicklungsländer entlastet und vor der Einfuhr nicht mehr verwertbaren Kunststoffmülls geschützt werden.

Doch nicht nur die Entsorgung, auch die stetig wachsende Produktion von Plastik muss international stärker reguliert, vor allem aber reduziert werden. Die europäische Plastikstrategie sieht neben Verboten für Einwegartikel ab 2021 vor, dass bis 2030 alle Kunststoffverpackungen innerhalb des EU-Marktes recyclingfähig sein sollen. Die nächsten Konferenzen der Vertragsstaaten im Rahmen der UNEA-5 und COP15 der Basler Konvention im Jahr 2021 werden zeigen, ob weitere zukunftsträchtige Meilensteine gesetzt werden können oder sogar der EU angenäherte Strategien beschlossen werden können.

Alexander Müller

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