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Weltbevölkerungsbericht 2018: Kinderwunsch selbstbestimmt umsetzen

Die zentrale Aussage des Weltbevölkerungsberichts 2018 könnte klarer kaum sein: Alle Menschen haben das Recht und müssen die Möglichkeit haben, frei zu entscheiden, wie viele Kinder sie wann und in welchen Abständen bekommen möchten.

Titelseite des englischen Weltbevölkerungsberichts 2018 (Bild: UNFPA)
Titelseite des englischen Weltbevölkerungsberichts 2018 (Bild: UNFPA)

Neu am diesjährigen Bericht ist, dass er den Blick nicht nur auf Entwicklungsländer und deren ungedeckten Bedarf an Verhütungsmitteln legt. Ganz im Einklang mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs), die für alle Länder gelten, nimmt der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) in diesem Jahr auch Herausforderungen in den Industrieländern mit in den Blick.

Der Weltbevölkerungsbericht 2018 „Die Macht der freien Entscheidung – reproduktive Rechte und der demografische Wandel“ macht deutlich, dass auch in Ländern, die eine niedrige Fertilität erreicht haben, längst nicht gewährleistet ist, dass Frauen und Männer ihre Familienplanung so gestalten können, wie es ihren Wünschen entspricht. Eine unsichere wirtschaftliche und berufliche Situation kann dazu beitragen, dass eine Familiengründung auf später verschoben wird. Hinzu kommen fehlende Betreuungsangebote, Schwierigkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren und Haus- und Betreuungsarbeit gerecht zu aufzuteilen.

Fertilität unter Ersatzniveau

In Europa werden Schwangerschaften und Geburten zunehmend aufgeschoben, was dazu geführt hat, dass die dauerhafte ungewollte Kinderlosigkeit zunimmt. Immer häufiger bringen Frauen ihre Kinder erst in höherem Alter und unehelich zur Welt. „In der Europäischen Union erreichte der Anteil der unehelich geborenen Kinder im Jahr 2014 42 Prozent – eine Verdoppelung gegenüber 1994“, heißt es in dem Bericht. In Italien, Japan, Spanien und Südkorea sei das Durchschnittsalter der erstgebärenden Frauen auf über 30 Jahre gestiegen. Allerdings korreliere in Ostasien die Fertilität weiterhin eng mit der Zahl der Eheschließungen.

Nach den UNFPA-Daten bekommt heute eine Frau im weltweiten Durchschnitt 2,5 Kinder – nur noch halb so viele wie Mitte der 1960er Jahre. Von den 43 Ländern mit weiterhin hoher Fertilität, in denen Frauen durchschnittlich mindestens vier Kinder bekommen, liegen 38 in Afrika.

Zwar ist auch in vielen Entwicklungsländern die Fertilität bereits erheblich gesunken, liegt aber immer noch über dem gewünschten Niveau, sowohl bevölkerungspolitisch als auch innerhalb vieler einzelner Familien. Der Zugang zu Verhütungsmitteln und -methoden, Sexualaufklärung, Beratung und guten Gesundheitssystemen ist weiterhin von großer Bedeutung. Doch der Bericht mahnt auch an, die Lücken bei der Umsetzung reproduktiver Rechte besser zu erfassen. Dabei gehe es nicht nur um die Gesundheitsversorgung, sondern auch um soziale, wirtschaftliche und institutionelle Determinanten.

Die Ärmsten zuerst

Sowohl bei ungewollter Kinderlosigkeit als auch bei der Verhütung von Schwangerschaften gibt es weltweit einen ungedeckten Bedarf an Mitteln, Aufklärung und Beratung. Dabei bestehen Diskrepanzen innerhalb und zwischen einzelnen Ländern. „Weltweit gilt: Frauen, die wohlhabender sind, in Städten leben und einen höheren Bildungsgrad besitzen, haben in der Regel vollen Zugang zu einer Auswahl moderner Verhütungsmethoden – ihre ärmeren, ländlich lebenden Geschlechtsgenossinnen mit weniger Bildung haben diesen nicht“, heißt es in dem Bericht.

Unabhängig von der jeweiligen Fertilität gebe es in vielen Ländern bestimmte Gruppen, deren reproduktive Rechte besonders stark beeinträchtigt werden. Manchmal seien es die Armen in ländlichen Gebieten oder die Jugend oder Gruppen, die die im Gesundheitswesen gängige Nationalsprache nicht beherrschen. Bei allen Maßnahmen sollte die Verwirklichung ihrer Rechte oberste Priorität haben, fordert der Bericht – entsprechend dem Prinzip der Agenda 2030: „Die Ärmsten zuerst“.

SDG 3. Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern

3.7 Bis 2030 den allgemeinen Zugang zu sexual- und reproduktionsmedizinischer Versorgung, einschließlich Familienplanung, Information und Aufklärung, und die Einbeziehung der reproduktiven Gesundheit in nationale Strategien und Programme gewährleisten

Politische Herausforderungen

Wie auch für die anderen SDGs gilt: Jedes Land sollte seine Politik daraufhin prüfen, inwieweit sie hilft, dem Ziel näher zu kommen, oder ihm womöglich zuwiderläuft und angepasst werden müsste. Im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung heißt das, zu prüfen, ob Gesetze, politische Handlungskonzepte, Budgets, Dienstleistungen, Sensibilisierungskampagnen und andere Aktivitäten die reproduktiven Rechte der Menschen tatsächlich stärken und sie befähigen, die eigenen Fertilitätsziele zu verwirklichen, oder ob sie womöglich ihre Entscheidungsmöglichkeiten über ihre Familiengröße einschränken. „Die Politik sollte daran ausgerichtet werden, was die Menschen tatsächlich benötigen“, heißt es in dem Bericht. Dabei müsse die ganze Bandbreite sich überschneidender Faktoren berücksichtigt werden, die auf die reproduktiven Rechte und die Fertilität einwirken – einschließlich Bildung, Arbeit, Wohnen und Ernährungssicherheit.

Die Verwirklichung reproduktiver Rechte könne auch andere Menschenrechte stärken und Länder in die Lage versetzen, ihre soziale und wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben, heißt es in dem Bericht. Sie sei, so UNFPA-Exekutivdirektorin Natalia Kanem, auch für die Verwirklichung aller anderen SDGs von wesentlicher Bedeutung.

Weitere Informationen:

State of World Population 2018: The Power of Choice. Reproductive Rights and the Demographic Transition. United Nations Population Fund (UNFPA),

Weltbevölkerungsbericht 2018 „Die Macht der freien Entscheidung – reproduktive Rechte und der demografische Wandel“. Deutsche Kurzfassung, herausgegeben von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW), Hannover

Christina Kamp

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