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Verantwortung als Chance nutzen

Klimagerechtigkeit: Welche Verantwortung haben wir gegenüber Menschen, die durch den Klimawandel ihre Heimat verlassen müssen? Essay von COP24-Jugendbeobachter Felix Nasser

Dürre im Senegal © UN Photo / Evan Schneider

Vor knapp 3 Jahren nahm ich an einem Bildungsworkshop im Süden Kolumbiens teil. Der Workshop basierte auf der aktiven Partizipation und Interaktion der Teilnehmenden. Wir liefen durch den Raum. “Stopp”, rief der Leiter, “findet eine Person, schaut ihr in die Augen und erzählt etwas, das euch tief berührt.” Mit einer mir bisher unbekannten Klarheit sagte ich: “Das größte Paradox unserer Geschichte ist, dass die Menschen und Länder, die seit Jahrhunderten von struktureller Ausbeutung betroffen sind und am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, nun am stärksten unter den Folgen leiden werden.” Obwohl dieser Satz zu diesem Zeitpunkt mit einer solchen Selbstverständlichkeit aus mir heraus sprudelte, sollte ich mir erst in den darauf folgenden Jahren seiner Bedeutung sowohl im globalen Kontext als auch für meine eigene Lebensweise bewusst werden.

Kolonialisierung und Weltmarktpolitik haben über Jahrhunderte zur Ausbeutung von bestimmten Menschengruppen und Ländern geführt. Dennoch scheint die mit dem Klimawandel verbundene Ungerechtigkeit ein neues Kapitel zu eröffnen. Ein bis dato relativ stabiles Klimasystem wendet sich nun vor allem gegen jene Menschen. Dürren und steigende Wasserpegel treffen meist die, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Und damit nicht genug: Viele dieser Länder und Menschen haben nur unwesentlich zum Klimawandel beigetragen, gerade sie besitzen aufgrund historischer Ausbeutung jedoch mitunter nicht die nötigen Ressourcen, um sich dem Klimawandel anzupassen. Wenn Menschen nun aufgrund des Klimawandels ihre Heimat verlassen, sollte uns dies bewusst sein. Und genau darauf basiert die Logik moralischer Verantwortung für Klimageflüchtete. Es sind bestimmte Länder, die nicht nur hauptverantwortlich für den Klimawandel sind, sondern andere Ländern historisch der Mittel beraubt haben, sich nun an diesen anzupassen.

In einem weiteren zentralen Punkt unterscheidet sich der Klimawandel von bisherigen historischen Ungerechtigkeiten. Während ein Zusammenhang zwischen heutigen Geflüchteten und der Kolonialisierung oft als etwas Abstraktes abgestempelt wird, das mit unserer Generation nur noch wenig zu tun hat, ist es beim Klimawandel anders. Unser globales, nationales und persönliches CO² Budget lässt sich relativ genau ausrechnen. Deutschland hat sein nationales CO² bereits im März 2018 aufgebraucht und lebt seitdem auf Pump. Nur geht es hier nicht um Schulden unter alten Freunden. Das globale CO² Budget ist begrenzt. Mit seiner Überschreitung rücken wir weiter weg vom 1,5 Grad-Ziel. Menschen in pazifischen Inselstaaten oder am Horn von Afrika werden in ihrer Existenz bedroht. Dass ihre Flucht in direktem Zusammenhang mit deutscher Klimapolitik steht, ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn auch jeder einzelne hat sein persönliches CO² Budget. Wenn ich im Januar für einen Urlaub nach Thailand fliege, ist mein CO² Budget für dieses Jahr bereits um das zweifache überschritten. Auch ich trage damit direkt oder indirekt zum Klimawandel bei.

Das Verständnis dieser Zusammenhänge und der Mitverantwortung für Klimaflucht ist essenziell. Denn wenn Geflüchtete heute oft als “opportunistische Wirtschaftsflüchtlinge” diffamiert werden, wird über die eigentlichen Ursachen für die Flucht nur ungern gesprochen. Wir sollten daraus lernen. Wenn in den nächsten Jahrzehnten Küstenabschnitte unbewohnbar, ganze Landstriche unbestellbar werden und Millionen von Menschen ihre Farmen, Häuser und Heimat zurücklassen müssen, dann dürfen wir unsere Mitverantwortung für diese Menschen nicht von uns schieben. Zu der moralischen Verpflichtung für Hilfsbedürftige kommt eine historische und aktuelle Verantwortung hinzu.

Anstatt vor lauter Schuld und Komplexität nun den Kopf in den Sand zu stecken, sollte wir diese Verantwortung als Chance zu nutzen. Als Chance, um Druck auf Politik und Wirtschaft zu machen. Druck für eine gerechtere und effektivere Klimapolitik, für den Kohleausstieg und für das Einhalten des Pariser Klimaabkommens. Aber auch als Chance für uns selbst, um unseren Lebensstil zu verändern und zu überdenken. Klimageflüchtete sollten als solche anerkannt und unterstützt werden - denn Klimaschutz geht uns alle an.

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