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(Urlaubs-)Zeit der Hoffnung im Tourismus

Die Tourismusbranche ist einer der Wirtschaftssektoren, die unter der Corona-Pandemie noch immer besonders leiden. Die Folge: Geschätzte vier Billionen US-Dollar Einbußen bei der globalen Wirtschaftsleistung 2020 und 2021.

Kreuzfahrtschiff im Hafen von Valletta, Malta, 2019.
Das personal- und kapitalintensive Kreuzfahrtgeschäft ist eines der Tourismussegmente, die in der Corona-Krise hohe Einbußen haben. (Foto: Christina Kamp)

Laut Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) sank durch die Einschränkungen im Tourismus 2020 das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2,4 Billionen US-Dollar. In ihrem Ende Juni 2021 veröffentlichten „COVID-19 and Tourism Update“ beziffert die UNCTAD damit sowohl die direkten Auswirkungen im Tourismus als auch die damit verbundenen Einbußen in weiteren Sektoren, die eng mit dem Tourismus verflochten sind. Dazu gehören vorgelagerte Sektoren wie Lebensmittel- und Getränke-Zulieferer der Gastronomie oder auch der Transportsektor. Im Juli 2020 hatte die UNCTAD in ihrem Bericht „COVID-19 and Tourism”drei Szenarien vorgestellt, von denen sich auch das pessimistischste noch als zu optimistisch herausgestellt hat. Inzwischen wird davon ausgegangen, dass die Einbußen 2021 ähnlich hoch ausfallen könnten wie 2020. In optimistischeren aktuellen Szenarien, in denen mit einer stärkeren Erholung in der zweiten Jahreshälfte gerechnet wird, liegen die Einbußen im Vergleich zu 2019 zwischen 1,7 und 1,8 Billionen US-Dollar.

Tourismus als stark verflochtener Wirtschaftssektor

In guten Zeiten profitiert die Wirtschaft von den vielfältigen Verflechtungen des Tourismus entlang der Wertschöpfungsketten. Doch in der Krise schlagen sie ins Gegenteil um. Wenn die Einnahmen aus dem globalen Tourismus um eine Billion US-Dollar zurückgehen, führe dies insgesamt zu einem deutlich höheren Rückgang des Bruttoinlandsprodukts, etwa um 2,5 Billionen US-Dollar, schätzt die UNCTAD. Wie stark dieser Multiplikatoreffekt im Einzelnen ausfällt, sei von Land zu Land unterschiedlich. Je nachdem, wie stark der Tourismus in die heimische Wirtschaft eingebunden ist, können die Einbußen auch das Drei- bis Vierfache betragen.

Zwar können dank der Impffortschritte und gesunkener Corona-Inzidenzen viele europäische und nordamerikanische Urlaubsregionen diesen Sommer wieder Gäste empfangen. Das macht Hoffnung, doch ist die Lage keineswegs stabil und viele andere Länder sind noch weit von einer Erholung entfernt. Damit ist offensichtlich, dass es in der Krise im Tourismus kleinere und größere Verlierer geben wird.

Unterschiedliche Aussichten auf Erholung

Die wirtschaftliche Erholung im Tourismus wird zum großen Teil von den Impffortschritten abhängen, aber auch von der Abschaffung der Reiserestriktionen und vom Vertrauen der Reisenden in die Sicherheit. Der Anteil der Geimpften variiert weltweit noch erheblich. Beliebte Reiseziele wie zum Beispiel Gambia oder Kenia, haben nach dem Reuters COVID-19 Vaccination Tracker gerade ein Prozent ihrer Bevölkerung geimpft. Andere, wie die Türkei, impfen bereits auch gezielt die Mitarbeitenden im Tourismus und/oder die Bevölkerung in besonders beliebten Urlaubsorten.

Aufgrund der dynamischen Entwicklung der Corona-Situation sind Daten, welche Länder wie stark betroffen sind, schnell wieder überholt. Während zum Beispiel Thailand die Pandemie im ersten Jahr recht gut unter Kontrolle hatte, sind inzwischen die Infektionszahlen erheblich gestiegen. Nichtsdestotrotz hat Thailand Anfang Juli begonnen, einzelne Inseln unter Auflagen für den Tourismus zu öffnen. Einige Staaten, wie die Seychellen oder die Mongolei, haben zwar bereits recht hohe Impfquoten, verzeichnen aktuell aber dennoch eine hohe Inzidenz.

Noch immer gibt es nach Daten der Welttourismusorganisation (UNWTO) große regionale Unterschiede bezüglich der Reisebeschränkungen. 70 Prozent aller Destinationen in der Region Asien/Pazifik sind (mit Stand von Anfang Juli 2021) noch nicht geöffnet, im Vergleich zu 13 Prozent in Europa, 20 Prozent in Nord- und Südamerika, 19 Prozent in Afrika und 31 Prozent im Nahen Osten.

Arbeitsplätze in Gefahr

Für viele Länder ist der Tourismus von enormer sozio-ökonomischer Bedeutung. Er sichert Arbeitsplätze, insbesondere auch für Frauen und junge Menschen, und den Lebensunterhalt unzähliger Beschäftigter im informellen Sektor. In kleinen Inselstaaten wie den Malediven oder Saint Lucia hat der internationale Tourismus einen hohen Anteil an den Exporten und bringt Deviseneinnahmen.

Durch die Corona-Krise sieht die UNWTO 100 bis 120 Millionen Jobs im Tourismus gefährdet. Arbeitskräfte, die im Tourismus nicht mehr gebraucht würden, könnten in anderen Sektoren eingesetzt werden, die Einbußen im Tourismus würden so zum Teil ausgeglichen. In Entwicklungsländern, die vom Tourismus abhängig sind, könnte dies kurzfristig zwar schwierig sein, längerfristig hält die UNCTAD es aber durchaus für möglich.

Politische Weichenstellungen

Die UNCTAD hält drei politische Handlungsfelder für wichtig: Zunächst müsse Tourismus überhaupt wieder stattfinden können. Dafür gelte es vor allem, das Vertrauen der Reisenden wiederzugewinnen. Die Impfungen zum Schutz vor Covid-19 sind dabei laut UNCTAD der wichtigste Baustein.

Zweitens sollten die sozio-ökonomischen Auswirkungen abgefedert werden. Für die meisten Entwicklungsländer, insbesondere die, in denen der Tourismus eine große Rolle spielt, stellt dies eine Herausforderung dar. Soziale Sicherungssysteme sind oft schwach ausgeprägt und viele Menschen arbeiten im informellen Sektor. In diesen Fällen gelte es eher die Arbeitskräfte selbst zu schützen als ihre Jobs in bestimmten Branchen, empfiehlt die UNCTAD.

Drittens sollten die Regierungen strategische Entscheidungen bezüglich der Zukunft des Tourismus in ihren Ländern treffen. Sie müssten Prioritäten setzen, welche Unternehmen sie unterstützen wollen und für wie lange – unter Berücksichtigung der langfristigen Folgen der Pandemie. Dabei könnten strukturelle Anpassungen nötig sein, denn die Pandemie werde so schnell nicht vorbei sein. Umwelt- und klimapolitische Anliegen würden an Bedeutung gewinnen, die Kosten für Langstreckenflüge könnten steigen, ebenso wie der gesellschaftliche Druck, solche Flüge ganz zu vermeiden. Der Kreuzfahrttourismus könnte Vertrauensverluste erleiden. Wichtige Quellmärkte in den USA, Europa und China dürften verstärkt auf Inlandstourismus setzen. Vom Tourismus abhängige Entwicklungsländer könnten daher auf Diversifizierung setzen und schauen, wie sie Ressourcen in andere Wirtschaftsbereiche umlenken könnten.

Christina Kamp

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