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Ozeanforschung auf der Agenda

Anfang Juni begann die UN-Dekade der Meeresforschung für nachhaltige Entwicklung. Die biologische Vielfalt der Meere steht unter enormem Druck - womit auch die Lebensgrundlage vieler Menschen bedroht ist. Das Ausweisen von neuen Schutzgebieten allein reicht jedoch nicht aus.

Zwei Jungen mit Schwimmbrillen schwimmen im türkisfarbenen Wasser und halten gefangene Fische in die Luft
Fischen vor der Küste der Insel Atauro, Timor-Leste. Foto: UN Photo/Martine Perret

Meeres- und Küstenökosysteme sind eine lebenswichtige Nahrungsquelle für den Menschen und können einen wichtigen Schutz vor Bedrohungen wie Überschwemmungen und Stürmen bieten – nicht zuletzt im Kontext des globalen Klimawandels. Und doch steht die biologische Vielfalt der Meere unter enormem Druck und damit auch die Lebensgrundlage der Menschen. Um die Wissensbasis für den Schutz der Ozeane zu stärken, haben die Vereinten Nationen am 1. Juni die Dekade der Meeresforschung für nachhaltige Entwicklung ausgerufen. Das generierte Wissen soll unter anderem in bestehende internationale Rahmenwerke zum Schutz der Ozeane einfließen. Dazu gehört das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity – CBD), das umfassendste Abkommen zum Erhalt der globalen Artenvielfalt. Seine Vertragsparteien werden voraussichtlich im Oktober dieses Jahres einen auf zehn Jahre angelegten neuen globalen Rahmen zum Erhalt der Biodiversität verabschieden. Dieser sieht eine signifikante Ausweitung von Meeresschutzgebieten als zentralen Ansatz zum Schutz der marinen Ökosysteme vor. Doch für die effektive und gerechte Implementierung von Meeresschutzgebieten ist dringend ein besseres Verständnis der hierfür förderlichen Governance-Mechanismen notwendig.

Schutzgebiete sind seit jeher eine zentrale Säule der Naturschutzpolitiken der CBD. Der strategische Plan der CBD-Vertragsstaaten für den Zeitraum 2011-2020 sah vor, dass bis 2020 „mindestens (...) 10 Prozent der Küsten- und Meeresgebiete“ durch Schutzgebiete oder andere effektive gebietsbezogene Schutzmechanismen (Other effective area-based conservation mechanisms – OECMs) erhalten werden sollen. Bei diesen Schutzmechanismen handelt es sich nicht um rechtlich deklarierte Schutzgebiete und der Schutz solcher Gebiete ist nicht notwendigerweise ihr erklärtes Hauptziel, doch erfüllen sie ähnliche Funktionen. Laut dem 5. Biodiversitätsbericht der CBD waren im August 2020 etwa 7,5 Prozent der Meeresflächen als Schutzgebiete deklariert. Diese Zahl ist vermutlich höher, wenn man die OECMs mit einbezieht. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden die Meeresschutzgebiete massiv ausgeweitet: Ihre Fläche ist im Zeitraum 2000-2020 fast um das zehnfache angewachsen. Der Vorentwurf des voraussichtlichen neuen globalen Biodiversitätsrahmenwerks (Global Biodiversity Framework) sieht vor, 30 Prozent der Meeresflächen durch Schutzgebiete oder OECMs unter Schutz zu stellen.

Warum es nicht genug ist, neue Schutzgebiete auszuweisen

Es ist allerdings umstritten, ob Schutzgebiete allein die marine Artenvielfalt effektiv erhalten können. Meeresschutzgebiete können innerhalb ihrer Grenzen große Vorteile für die biologische Vielfalt bringen, zum Beispiel durch den Schutz von Lebensräumen, Artenbeständen, der Artenvielfalt und der ökologischen Prozesse. Sie können außerdem positive Effekte auf die Biomasse von Populationen in ihrer Umgebung haben. Allerdings schützen sie nicht automatisch die am stärksten bedrohten Arten. Im Gegenteil, es gibt zahlreiche Beispiele für Schutzgebiete in abgelegenen oder unzugänglichen Gebieten, die für extraktive wirtschaftliche Aktivitäten eher ungeeignet sind. Der jüngste Trend, Meeresschutzgebiete massiv auszuweiten, ist zunehmend mit der Herausforderung verbunden, solche Gebiete zu überwachen und ihren Schutz durchzusetzen. Außerdem wird der Vielfalt der globalen Meeresökosysteme mit den aktuellen Meeresschutzgebieten nur unzureichend Rechnung getragen. Viele der schutzbedürftigsten Meeresgebiete mit großer Artenvielfalt sind weiterhin nicht formell ausgewiesen. Dementsprechend hat die Einrichtung von Schutzgebieten nur selten zu einem verbesserten Schutz der ökologischen Vielfalt geführt.

Darüber hinaus gibt es bei der Einrichtung von Meeresschutzgebieten Bedenken hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit, zumindest in Gebieten, die regelmäßig bewirtschaftet werden. Mit der eingeschränkten Nutzung der Meeresressourcen wird der lokalen Bevölkerung häufig ihre Lebensgrundlage entzogen. Auch kulturell werden die Menschen vor Ort beeinträchtigt, zum Beispiel durch den Verlust der Kleinfischerei und der damit verbundenen Traditionen. Vor allem im Globalen Süden werden lokale Fischergemeinschaften von ihren traditionellen Fischgründen vertrieben. Oft tragen indigene Völker und lokale Gemeinschaften, die direkt von solchen Einschränkungen betroffen sind, kaum Verantwortung für den Verlust der marinen Biodiversität, da diese vor allem auf industrielle Fischerei und Aquakultur, Küsteninfrastrukturprojekte, intensive Landwirtschaft usw. zurückgeht.

Obgleich die geplante Ausweitung der Meeresschutzgebiete dafür spricht, dass dem Schutz der marinen Biodiversität endlich mehr Aufmerksamkeit zukommt, wird in Zukunft entscheidender sein, ob diese Gebiete gut geführt und durchgesetzt werden. Welche Herausforderungen mit der Einrichtung von marinen Schutzgebieten hinsichtlich Effektivität und sozialer Gerechtigkeit einhergehen, ist ausreichend belegt. Die UN-Ozeandekade ist eine gute Gelegenheit, Governance-Forschung zur Überwindung dieser Herausforderungen zu fördern.

Ina Lehmann, DIE

Der Text wurde am 07.06.2021 vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) als Aktuelle Kolumne veröffentlicht.

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