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Lateinamerika und COVID-19 – Eine Krise mit historischen Folgen

Die COVID-19-Pandemie betrifft auch Ende 2020 noch eine Vielzahl an Ländern und Regionen weltweit. Neben den aktuell wieder ansteigenden Infektionszahlen in Europa ist auch der Blick auf Regionen des Globalen Südens und die dortige wirtschaftliche und soziale Situation wichtig.

In vielen Gegenden Lateinamerikas wird sich die Armut durch COVID-19 weiter verschär­fen. (UN Photo/UNICEF/Marco Dormino)

In Lateinamerika sind die Auswirkungen durch die COVID-19-Pandemie gravierend. Die Pandemie trifft eine Region, die bereits zuvor mit zahl­reichen Krisen und Problemen zu kämpfen hatte. In vielen lateinameri­kanischen Ländern werden sich die wirtschaftlichen und sozialen Spannungen deshalb auch nach der Eindämmung des Virus noch über viele Jahre hinweg halten und womöglich vertiefen. Auf Ebene der Vereinten Nationen existieren allerdings bereits vielversprechende Ansätze für eine mögliche Gegensteuerung und Abschwächung der negativen Effekte. Der Vorschlag Costa Ricas zur Einrichtung eines Fonds zur Linderung der wirtschaftlichen Folgen von COVID-19 zielt auf einen solidarischen Ansatz und eine nachhaltige Entwicklung ab. In einem Policy Brief beschreibt auch UN-Generalsekretär António Guterres unter anderem die Gewährung von Notfallgeldern für Menschen, die in Armut leben, als eine Lösung.

 

Wirtschaftlicher Rückschritt um Jahre

Lateinamerika und die Karibik sind eine in wirtschaftlicher Hinsicht sehr heterogene Region. Neben starken und vergleichsweise stabilen Wirtschaftsmächten wie Mexiko, Brasilien oder Argentinien stehen die kleineren südamerikanischen und karibischen Staaten, die von den Auswirkungen der Pandemie besonders betroffen sind.

Die aktuellen Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Virus stehen dabei in Konflikt mit einer Wirtschaftsstruktur, die besonders auf dem Tourismus und dem informellen Sektor aufbaut. In Folge der Maßnahmen kann ein historischer Abfall der wirtschaftlichen Leistung vieler Länder beobachtet werden, der sich auch in mittel- bis langfristigen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum sowie in der Zunahme von Ungleichheit, Armut und Arbeitslosigkeit bemerkbar machen wird. Bereits jetzt erlebt die Region die gravierendste Wirtschaftskrise seit einem Jahrhundert. Für Lateinamerika und die Karibik wird geschätzt, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 9,1% sinken wird, so ein Bericht der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC). Ende des Jahres werde sich das BIP auf demselben Niveau wie 2010 befinden. Dies bedeute einen Rückschritt um ganze 10 Jahre.

 

Wachsende soziale Probleme

Die wirtschaftlichen Einschnitte der COVID-19-Pandemie werden sich dabei besonders in sozialer Hinsicht bemerkbar machen. Durch die Schließung von zahlreichen Betrieben und Geschäften könnte die auch vor der Krise schon große Arbeitslosigkeit in der Region um weitere 18 Millionen im Vergleich zum Vorjahr auf bis zu 44 Millionen Menschen steigen. Gleichzeitig werde sich die Zahl der in Armut lebenden Menschen bis Ende 2020 auf 231 Millionen erhöhen, von denen 96 Millionen in extremer Armut leben werden. Im Vergleich mit den Zahlen vor der Pandemie bedeute dies einen Rückschritt um 15 Jahre.

Bereits Mitte des Jahres warnte eine Studie von ECLAC und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization - FAO) vor der Gefahr, dass die COVID-19-Krise aufgrund der gestiegenen Armut auch zu einer Hungerkrise auf dem Kontinent auswachsen könnte.

Alle diese Auswirkungen der Pandemie treffen vor allem die Schwächsten der Gesellschaft wie Kinder, Alte, indigene Gemeinschaften, Menschen afrikanischer Herkunft, Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete und Frauen, die in Lateinamerika und der Karibik nur in sehr seltenen Fällen sozial abgesichert sind oder besondere staatliche Unterstützung erhalten. Daneben sind 50-70% der Bevölkerung im informellen Sektor beschäftigt und somit ebenfalls stark von den wirtschaftlichen und sozialen Folgen betroffen, die durch die Pandemie hervorgerufen werden.

 

Forderungen nach mehr internationaler Kooperation

In der Bekämpfung der Folgen durch die COVID-19-Pandemie suchen gerade die karibischen Inselstaaten die globale Zusammenarbeit auf der Ebene der Vereinten Nationen und sprechen sich gegen nationale Alleingänge aus. Diese kleinen, meist wenig entwickelten Inselstaaten (small island developing states - SIDS) besitzen nur eine geringe Wirtschaftskraft und sind außerdem größtenteils von Einnahmen aus der Tourismusbranche abhängig. Ihre Unterstützung durch den UN COVID-19 Response and Recovery Fund zur Finanzierung eines nachhaltigen und solidarischen Wiederaufbaus zeigt die Bereitschaft zu multilateralen Lösungen unter der Prämisse, kein Land zurückzulassen.

Auch weitere lateinamerikanische Staaten suchen nach multilateralen Lösungen in dieser Krise. Costa Rica schlug im Zuge der diesjährigen Generalversammlung der Vereinten Nationen die Einrichtung eines speziellen Fonds zur Linderung der wirtschaftlichen Folgen von COVID-19 (Fund to Alleviate COVID-19 Economics -FACE) vor. Durch internationale Solidarität sollen so die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie bewältigt und eine nachhaltige Erholung ermöglicht werden. In vielen kleinen und mittleren Staaten in Lateinamerika und der Karibik könnte durch diesen Fonds eine Basis zur Überwindung der weitreichenden negativen Effekte geschaffen werden.

In seinem erwähnten Policy Brief adressiert UN-Generalsekretär Guterres das beispiellose Ausmaß der COVID-19-Pandemie für die gesamte Region Lateinamerikas und der Karibik. Die weitreichenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen müssten demnach sowohl durch sofortige als auch durch langfristige Maßnahmen gemindert werden.

Dabei sollte die Erholung von den Folgen der Pandemie auch eine Transformierung des aktuellen Entwicklungsmodells in Lateinamerika und der Karibik mit sich bringen, wobei die Demokratie gestärkt, Menschenrechte geschützt und Frieden gesichert werden müssen. Denn nur in Übereinstimmung mit den globalen Zielen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung kann die Überwindung der COVID-19-Pandemie unter dem Motto „build back better“ gelingen.
 

Kilian Pfannenmüller

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