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Gründlich vorbereitet: „Weltgipfel für Humanitäre Hilfe“ in Istanbul am 23. und 24. Mai 2016

„Es herrscht eine große Frustration unter Männern, Frauen, jungen Leuten und Kindern in Krisensituationen, die das Gefühl haben, dass ihre Stimmen nicht gehört, ihre Fähigkeiten nicht wahrgenommen, ihre Bedürfnisse nicht erfüllt und ihre Hoffnungen auf eine friedliche, eigenständige Zukunft nicht erfüllt werden.“ So hat UN-Generalsekretär Ban Ki-moon kürzlich die Enttäuschung vieler derer dargestellt, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Angesichts einer rasch wachsenden Zahl von Menschen, die in Krisensituationen leben, und eines dramatisch steigenden Bedarfs an Finanzmitteln hat Ban Ki-moon einen „Weltgipfel für Humanitäre Hilfe“ einzuberufen.

Sechs Frauen stehen Schlange, die erste in der Reihe gibt gerade ihren Fingerabdruck ab
Wie diese Frauen im Südsudan sind viele Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Oft werden ihre Hoffnungen und Erwartungen aber nicht erfüllt. Foto: UN Photo/Zenebe Teklewold

„Es herrscht eine große Frustration unter Männern, Frauen, jungen Leuten und Kindern in Krisensituationen, die das Gefühl haben, dass ihre Stimmen nicht gehört, ihre Fähigkeiten nicht wahrgenommen, ihre Bedürfnisse nicht erfüllt und ihre Hoffnungen auf eine friedliche, eigenständige Zukunft nicht erfüllt werden.“ So hat UN-Generalsekretär Ban Ki-moon kürzlich die Enttäuschung vieler derer dargestellt, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.

Angesichts einer rasch wachsenden Zahl von Menschen, die in Krisensituationen leben, und eines dramatisch steigenden Bedarfs an Finanzmitteln für ihre Unterstützung kündigte Ban Ki-moon im September 2013 vor der UN-Generalversammlung an, ein „World Humanitarian Summit“, einen Weltgipfel für Humanitäre Hilfe, einzuberufen und ihn in einem dreijährigen gründlichen Konsultationsprozess vorzubereiten.

Konsultationen und Berichte auf dem Weg zum Gipfel

Mehr als 23.000 Menschen nahmen an acht regionalen Konsultationen und zahlreichen kleineren Tagungen teil oder reichten schriftliche Eingaben ein. Gemeinsam reflektierten sie darüber, wie die humanitäre Hilfe angesichts einer wachsenden Zahl von Katastrophen, Kriegen und anderen Notsituationen so gestaltet werden kann, dass „niemand zurückgelassen wird“, wie es in den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen gefordert wird.

Logo
Logo des Weltgipfels für Humanitäre Hilfe

Auf der Grundlage dieser Konsultationsprozesse entstand 2015 der Bericht „Restoring humanity: Global Voices Calling for Action“ (Menschlichkeit wiederherstellen: Stimmen aus aller Welt, die zum Handeln auffordern). Bei der Präsentation des Berichtes verwies der UN-Generalsekretär auf die Verantwortung der politischen Führer und Staaten, Konflikte zu verhindern und zu beenden und die Normen der Menschlichkeit zu verteidigen, auf das Ziel, niemanden zurückzulassen, auf den erforderlichen Übergang von der Bereitstellung von Hilfe zur Beendigung von Notsituationen sowie auf die Notwendigkeit, lokale Kapazitäten zu stärken und Risiken zu vermindern.

Im Oktober 2015 fand in Genf eine dreitägige globale Konsultation zur Vorbereitung des Gipfeltreffens mit 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Dort wurden Vorschläge und Empfehlungen erarbeitet, die nun in Istanbul beraten werden sollen. Stephen O’Brien, der Beigeordnete UN-Generalsekretär für humanitäre Fragen und Nothilfekoordination, äußerte bei dem Treffen die Erwartung: „Der Weltgipfel für Humanitäre Hilfe ist die Gelegenheit für unsere Generation, die Welt mit unseren humanitären Ambitionen neu zu inspirieren. Unser Gipfel muss den Sprachlosen eine Stimme geben und den Führern der Welt und uns allen ihre Hoffnungen und Erwartungen zu Gehör bringen.“

Als weiterer Vorbereitungsschritt legte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon der UN-Generalversammlung im Februar 2016 seinen Bericht „One humanity: shared responsibility“ (Eine Menschheit: gemeinschaftliche Verantwortung) vor. Er stellte die Erinnerung an seine eigene Not im Koreakrieg zu Beginn der 1950er Jahre und die damalige Hilfe durch die Vereinten Nationen an den Anfang seines Berichtes (siehe Kasten).

„Als Junge wuchs ich in Kriegszeiten auf. Ich war sechs Jahre alt, als ich gezwungen wurde, von meinem Zuhause in einem koreanischen Dorf zu flüchten. Ich konnte nur das mitnehmen, was ich in meinen Armen tragen konnte. Als meine Schule zerstört worden war und mein Zuhause verwaist dalag, war ich voller Furcht und Unsicherheit. Ich konnte damals nicht wissen, dass meine dunkelste Stunde mein weiteres Schicksal bestimmen würde. Die noch jungen Vereinten Nationen sorgten damals dafür, dass ich Obdach, Schulbücher und andere Hilfsgüter erhielt. Sie gaben mir Hoffnung und Schutz und haben mich dazu veranlasst, eine Karriere im öffentlichen Dienst anzustreben. Sieben Jahrzehnte nach der Gründung der Vereinten Nationen bin ich davon überzeugt, dass ihre blaue Flagge ein Banner der Hoffnung für die ganze Menschheit bleibt.“

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon in seinem Bericht „One humanity: shared responsibility“

Ban Ki-moon kritisierte in seinem Bericht die gegenwärtigen Strukturen der internationalen humanitären Hilfe mit deutlichen Worten: „Es gibt eine beträchtliche Frustration über die Architektur der internationalen Hilfe. Sie wird als veraltet und resistent gegenüber Veränderungen, als fragmentiert und nicht entschlossen zu kollektiver Zusammenarbeit wahrgenommen, ebenso als zu stark beherrscht von den Interessen und der Finanzierung durch einige wenige Länder.“

Die Eigenständigkeit der betroffenen Menschen stärken

Der UN-Generalsekretär beklagte in seinem Bericht auch die ungleiche Verteilung der Hilfsgelder. Viele Menschen in Krisensituationen würden zu wenig Beachtung und Hilfe erhalten. Das gleiche gelte für jene Gemeinschaften und Länder, die ihre Häuser oder ihre Grenzen für Hilfsbedürftige öffnen würden und dafür sehr wenig Unterstützung erhielten.

Es gäbe aber auch viele positive Beispiele dafür, wie Regierungen, Zivilgesellschaft und einzelne Menschen anderen geholfen haben und helfen – und es bestehe bei vielen die Bereitschaft zu Veränderungen: „Es sind Veränderungen, die den betroffenen Menschen und lokalen Organisationen eine Stimme und eine führende Rolle geben als primäre Gestalter ihrer eigenen Zukunft. Es sind Veränderungen, die Eigenständigkeit fördern, statt die Abhängigkeit von internationaler Hilfe zu verfestigen.“

Ein völlig zerstörtes Haus, davor zerstreut ein paar Menschen
Ein Erdbeben in Ecuador im April 2016 fand in den internationalen Medien nur sehr kurze Zeit Beachtung. Auch die erhoffte Hilfe für die Opfer ist bisher weitgehend ausgeblieben, beklagen die Vereinten Nationen. Die Opfer vieler „vergessener“ Kriege und Katastrophen warten vergeblich auf dringend benötige Hilfe. Foto: UNDAC/Manabí

Der bessere Weg zum Dienst an der Menschheit

Um Visionen für solche Veränderungen wird es beim Weltgipfel für Humanitäre Hilfe gehen. In einer Rede Anfang April 2016 hat Ban Ki-moon seine Erwartungen an die Konferenz so zusammengefasst: „Etwas zu verändern ist schwierig, aber Istanbul bietet uns eine Gelegenheit, einen besseren Weg des Dienstes an der Menschheit zu gehen.“

Zum Weltgipfel werden etwa 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet, darunter führende Politiker und Repräsentanten von Hilfsorganisationen. Am ersten Tag bilden parallele „Roundtables“ mit politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen aus aller Welt einen Schwerpunkt. In ihren Beiträgen wird es um Themen wie die Verhinderung und Beendigung von Konflikten sowie die Finanzierung humanitärer Vorhaben gehen.

Am zweiten Tag wird in „Special Sessions“ ein breites Spektrum von Themen beraten, darunter der Schutz von Journalisten, die aus Krisenregionen berichten, Bildungsprogramme in Krisensituationen, Gesundheitsaufgaben und die Einbeziehung junger Leute in ein humanitäres Handeln. Anschließend sind Vertreter von Regierungen und Akteuren humanitärer Arbeit aufgefordert, ihr geplantes Vorgehen in einer Plenarsitzung darzulegen.

Der „Weltgipfel für Humanitäre Hilfe“ wird die letzte große Initiative des scheidenden UN-Generalsekretärs sein. Seine Verbindung mit den Vereinten Nationen, die als Kriegsflüchtling in Korea begann, geht mit einem großen internationalen Treffen zu Ende, bei dem es um wirksamere Hilfe für die Opfer heutiger Kriege und Katastrophen gehen wird.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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