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Fünf nach zwölf: Bericht des Weltklimarats warnt vor gravierenden Folgen der Erderwärmung

Überschwemmungen, Waldbrände, Hitzerekorde, Wirbelstürme – der Klimawandel ist längst bittere Realität. Das belegt auch der Weltklimarat in seinem neuesten Bericht. Und er zeigt: Eine Erderwärmung von 1,5°C wird sich kaum noch verhindern lassen.

Das Cover des neuen Berichts des Weltklimarates zeigt eine Weltkarte in changierenden Rot- und Violetttönen
Cover von Teil 1 des neuen - sechsten - Sachstandsberichts des Weltklimarates. Foto: IPCC

Extreme Wetterereignisse fordern Menschenleben, traumatisieren die Betroffenen, verursachen enorme Schäden an Hab und Gut, zerstören Infrastruktur und gefährden die Lebensgrundlagen unzähliger Menschen. Die Erderwärmung, die bereits zu immer mehr und immer schlimmeren Katastrophen dieser Art führt, ist auf menschliche Einflüsse zurückzuführen. Sie kann kaum noch verhindert, aber mit großen Anstrengungen doch noch erheblich abgeschwächt werden. Dies belegt und prognostiziert mit mehr Sicherheit als je zuvor der am 9. August veröffentlichte erste Teil des neuen – sechsten – Sachstandsberichts des Weltklimarates (IPCC).

1,5 Grad – deutlich näher als gedacht

Unter dem Titel “ClimateChange 2021: the Physical Science Basis” zeigt der erste Teil des neuen Berichts, dass die kritische Marke von 1,5°C Erderwärmung wohl bereits innerhalb der nächsten 20 Jahre erreicht werden wird. Einige der derzeit stattfinden Klimaveränderungen – darunter der Anstieg der Meeresspiegel – werden über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende irreversibel bleiben. Die Dringlichkeit, rasch und wirksam zu handeln, um in allen Bereichen den CO2-Ausstoß erheblich und dauerhaft zu verringern, hat sich dramatisch erhöht, so die Botschaft des Weltklimarates. Klarer könnte sie kaum sein.

„Wir sehen die Auswirkungen des Klimawandels in jeder Region der Welt, von den Polen über die Berggipfel bis in die Tiefen der Ozeane“, so Ko Barrett, stellvertretender Vorsitzender des Weltklimarats. Bei einer Erderwärmung von 1,5°C wird es mehr Hitzewellen, längere warme Jahreszeiten und kürzere kalte Jahreszeiten geben. Bei 2°C würde die extreme Hitze häufiger kritische Toleranzschwellen für die Landwirtschaft und die menschliche Gesundheit erreichen.

Regionale Unterschiede, verschärfte Ungleichheit

Der Bericht zeigt, dass der Klimawandel alle Regionen der Welt betrifft, sich aber regional sehr unterschiedlich auswirken kann: Der Klimawandel verstärke Wasserkreisläufe und bringe stärkeren Regen und Überschwemmungen mit sich, oder auch Dürren in vielen Regionen. In höheren Breitengraden werde es mehr Niederschläge geben, in großen Teilen der Subtropen weniger. Die Veränderungen der Monsun-Regenfälle werden sich von Region zu Region unterscheiden.

Über das gesamte 21. Jahrhundert hinweg werden die Meeresspiegel weiter ansteigen. Insbesondere in flacheren Küstenregionen werde es dadurch häufiger zu Küstenerosion und Überschwemmungen kommen, die zudem deutlich dramatischer ausfallen werden. Was früher Jahrhundertereignisse waren, könnte gegen Ende des Jahrhunderts Jahr für Jahr auftreten. Die fortschreitende Erderwärmung werde auch das Auftauen der Permafrostböden vorantreiben. Sie führe zum Verlust saisonaler Schneedecken und des arktischen Meereises im Sommer. Gletscher und Eisdecken werden abschmelzen.

Mit den Veränderungen der Weltmeere – ihrer Erwärmung, Versauerung und ihrem verringerter Sauerstoffgehalt – werden insbesondere Menschen, die von den Ökosystemen der Meere abhängig sind, noch das gesamte 21. Jahrhundert zu tun haben. Die Städte werden unter Hitze, Überschwemmungen und an den Küsten unter den steigenden Meeresspiegeln leiden.

Erstmals ermöglicht der IPCC-Sachstandsbericht eine detailliertere regionale Betrachtung des Klimawandels. Dazu wurde ein interaktiver Atlas entwickelt, der zur Einschätzung der Risiken, für die Anpassung an den Klimawandel und bei anderen Entscheidungen auf lokaler und regionaler Ebene hilfreich sein kann.

Treibhausgase verringern

Der Bericht belegt, dass es vor allem Kohlendioxid (CO2) ist, das den Klimawandel anheizt. Aber auch die Verringerung weiterer Treibhausgase und Luftschadstoffe, insbesondere von Methan, würde dem Klimaschutz dienen und zugleich der menschlichen Gesundheit. Würde der Ausstoß von Treibhausgasen stark und dauerhaft verringert, würde sich die Luftqualität bereits in kurzer Zeit verbessern. Eine Stabilisierung der globalen Temperaturen könnte nach Schätzung der Expertinnen und Experten allerdings 20 bis 30 Jahre dauern. In allen berücksichtigten Szenarien werde die Oberflächentemperatur der Erde bis mindestens Mitte des Jahrhunderts weiter steigen.

Mit jeder zusätzlichen Erderwärmung verstärken sich die Klimaveränderungen in ihren Extremen. Ob bei Überschwemmungen oder Hitzewellen, es werde immer häufiger neue Rekordwerte geben, und dies bereits bei der bevorstehenden Erderwärmung um 1,5°C.

In den Szenarien, in denen der CO2-Ausstoß weiter zunimmt, werden die Senken in den Meeren und an Land immer weniger erfolgreich die Akkumulation von CO2 in der Atmosphäre verlangsamen können. Der Bericht zeigt, dass der Anteil an CO2, das in natürlichen Senken gebunden werden kann, in Szenarien mit mehr Emissionen deutlich geringer ist.

Klimaschutz wirkt

Der Bericht macht deutlich, dass engagierter Klimaschutz die Probleme abmildern würde. Zum Ende des Jahrhunderts würde es in einem emissionsarmen Szenario weniger extreme klimabedingte Ereignisse wie Starkregen, Überschwemmungen oder Hitzewellen geben, und es wären weniger Regionen davon betroffen als in Szenarien mit höherem Emissionsausstoß.

Im globalen Durchschnitt war das vergangene Jahrzehnt bereits um ein Grad wärmer als noch zwischen 1850 und 1900. Der Bericht enthält Szenarien, wie die Zukunft jeweils aussehen würde, wenn es bei der Erderwärmung bei diesem einen Grad bliebe, oder wenn sie auf 1,5 oder zwei oder gar vier Grad steigen würde. „Die Wissenschaft ist sich darüber im klaren, dass wir mit schrecklichen Konsequenzen rechnen müssen, wenn wir jetzt nicht handeln. Die Temperaturen werden bis 2050 um mehr als zwei Grad steigen und bis 2100 um drei bis vier Grad“, sagt Ibrahim Thiaw, Exekutivsekretär des Übereinkommens der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD). Dabei weist er auf das Problem mit Durchschnittswerten hin. Denn an Land sei die Erwärmung deutlich höher und in einigen Regionen sei es bereits zwei Grad wärmer.

Dringender Handlungbedarf

Das Sekretariat der Klimarahmenkonvention beschreibt den Bericht zum aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse als „ernste Warnung“. Er belege, dass die Bemühungen, die Treibhausgasemissionen über die vergangenen Jahrzehnte zu verringern, „gänzlich unzureichend“ gewesen seien.

Weitere IPCC-Arbeitsgruppenberichte sind für Anfang 2022 geplant. Darin soll es um Auswirkungen, Anpassungen an den Klimawandel und Verwundbarkeiten sowie um den Klimaschutz gehen. Im zweiten Halbjahr 2022 soll ein Synthesebericht erscheinen. Der Weltklimarat (offiziell: der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen – IPCC) liefert mit seinen Sachstandsberichten Informationsgrundlagen für politische Entscheidungsträger und für die Klimaverhandlungen unter der Klimarahmenkonvention (UNFCCC), die im November auf der 26. Vertragsstaatenkonferenz in Glasgow in die nächste Runde gehen.

Die Stabilisierung des Klimas erfordere eine umfangreiche, schnelle und dauerhafte Verringerung der Treibhausgasemissionen und es müsse „net zero“ – also die Netto Null – bei den CO2-Emissionen erreicht werden, drängt Panmao Zhai, Co-Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe 1, die den aktuellen Bericht erstellt hat. Gelinge dies nicht, werde es nicht möglich sein, die Erderwärmung unter 1,5°C zu halten. Selbst das 2°C-Ziel steht auf dem Spiel.

Christina Kamp

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