Bevölkerung Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung (SDG 8)

Asien: Wie die „demografische Dividende“ genutzt werden kann

Eine lächelnde Mutter trägt ihr Kind hinter sich in einem Tragetuch

Der Anteil der Kinder an der asiatischen Bevölkerung nimmt deutlich ab und dies besonders in China mit seiner Ein-Kind-Politik. Foto: UN Photo/John Isaac

„Wenn Länder einen höheren Anteil von Menschen haben, die arbeiten, sparen und Steuern zahlen können, haben sie das Potenzial, ihre Volkswirtschaften umzugestalten und kräftig in Gesundheitswesen, Bildung und andere Bausteine zukünftigen Wohlstands zu investieren.“ So beschreibt Thangavel Palanivel die großen Chancen asiatischer Gesellschaften, die in den nächsten Jahrzehnten einen besonders hohen Bevölkerungsanteil arbeitsfähiger Menschen im Verhältnis zu Kindern und alten Menschen haben werden.

Er gehört zu den Autoren eines gerade erschienenen regionalen „Berichtes über die menschliche Entwicklung“ für den asiatisch-pazifischen Raum, den das UN-Entwicklungsprogramm UNDP herausgegeben hat.

Der Bericht trägt den Titel „Shaping the Future: How Changing Demographics Can Power Human Development“ (Die Zukunft gestalten: Wie veränderte Demografien die menschliche Entwicklung voranbringen können). Es wird im Detail dargestellt, wie sich die demografische Zusammensetzung asiatischer und pazifischer Gesellschaften in naher Zukunft verändern wird und welche Chancen damit verbunden sind. Es komme darauf an, die „demografische Dividende“ klug zu nutzen.

Weniger Kinder und mehr Berufstätige

Nicht zuletzt als Folge steigenden Wohlstands, aber auch wegen der Bevölkerungspolitik in Ländern wie China, hat sich in vielen asiatischen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten die Zahl der Kinder je Familie deutlich verringert. 2050 wird sich der Anteil der Kinder unter 15 Jahren an der Bevölkerung im Vergleich zum Jahre 1950 halbiert haben. Gleichzeitig drängt in den nächsten Jahren eine wachsende Zahl junger Leute aus geburtenstarken Jahrgängen auf den Arbeitsmarkt.

Die Verfasserinnen und Verfasser des UNDP-Berichtes diagnostizieren große Schwierigkeiten, all diese Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, aber auch Chancen, mithilfe einer großen Zahl arbeitsfähiger Menschen die ökonomische Situation der einzelnen Länder deutlich zu verbessern. Das setzt voraus, dass die Regierungen es schaffen, die jungen Menschen gut auszubilden und ihnen mit einer aktiven Arbeitsmarktpolitik die Möglichkeit zu einer angemessen bezahlten und gestalteten Arbeit zu eröffnen.

Viele Menschen - einige auch mit Fahrrädern - dicht zusammengedrängt
In Myanmar (Burma) nimmt der Anteil junger Leute rasch zu, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Der zukünftige Wohlstand des Landes wird stark davon abhängen, ob es gelingt, diese Chance zu nutzen, um eine umfassende Entwicklung zu fördern. Foto: UN Photo/Kibae Park

Aus dem UNDP-Bericht geht hervor, dass gegenwärtig 220 Millionen junge Leute in Asien weder Bildungseinrichtungen besuchen, noch eine Arbeitsstelle haben. Sie befinden also in einer beschäftigungslosen oder beschäftigungsarmen Übergangsphase. Das schafft enorme soziale Probleme und ist sowohl persönlich als auch volkswirtschaftlich mit großen Risiken verbunden. Zwar sind in Asien im letzten Jahrzehnt jedes Jahr etwa 20 Millionen neue Arbeitsplätze entstanden, aber es muss mehr getan werden, um die geburtenstarken Jahrgänge in die Arbeitswelt zu integrieren.

Alarmierend ist, dass zur Zeit die Jugendarbeitslosigkeit in den asiatischen und pazifischen Ländern bis zu drei Mal so hoch ist wie die durchschnittliche Arbeitslosigkeit.

Schaffung neuer Arbeitsplätze als Grundlage zukünftigen Wohlstands

Die Möglichkeiten zur Ausweitung der Beschäftigtenzahlen sollten die Länder der Region nicht ungenutzt verstreichen lassen. Haoliang Xu, Beigeordneter Generalsekretär der Vereinten Nationen und UNDP-Direktor für Asien und den pazifischen Raum, warnte bei der Präsentation des Berichtes: „Wenn die Länder des asiatisch-pazifischen Raums keine optimalen Beschäftigungsbedingungen schaffen, wird sich das Wachstum der Wirtschaft der Region um das Jahr 2050 verlangsamen, weil dann die Bevölkerung, die gegenwärtig im arbeitsfähigen Alter ist, allmählich in den Ruhestand gehen wird.“

Aber auch kurzfristig entstehen ohne eine erfolgreiche Beschäftigungspolitik gravierende Probleme, ist Haoliang Xu überzeugt: „Wenn es uns nicht gelingt, Arbeitsplätze für eine wachsende Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter zu schaffen, riskieren wir Arbeitslosigkeit, Frustration, Instabilität und eine von Ausbeutung bestimmte Migration.“

Deshalb heißt es im UNDP-Bericht: „Es wird Zeit, der Schaffung von Arbeitsplätzen einen zentralen Platz in nationalen Entwicklungsstrategien zu geben, wobei es wichtig ist, die Rechte der Beschäftigten zu schützen.“

Ohne Frauenförderung geht die „Dividende“ verloren

Besonderes Gewicht muss nach Auffassung der UNDP-Experten darauf gelegt werden, Frauen stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren, für sie angemessene Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu schaffen und auch die Voraussetzungen dafür zu verbessern, dass sie sich selbstständig machen können. Im Bericht wird diagnostiziert: „Ohne dass sich in umfassender Weise die Stärke und das Potenzial von Frauen entfalten können, wird die demografische Dividende bestenfalls marginal bleiben.“

Im Rückblick wird im Bericht festgestellt: „Ostasiatische Länder, die bereits in den letzten drei oder vier Jahrzehnten von demografischen Veränderungen profitierten, haben dies in erheblichem Maße durch einen hohen Anteil berufstätiger Frauen erreicht.“ Erforderlich für eine gute Einbeziehung von Frauen in den Arbeitsmarkt sind laut UNDP-Bericht u. a. gleiche Bezahlung und gleiche Rechte, sichere und sozial abgesicherte Arbeitsplätze, angemessene Regelungen für den Mutterschaftsurlaub und bezahlbare Formen der Kinderbetreuung.

Alternde Gesellschaften – auch in Asien ein drängendes Thema

Der Anteil von Menschen über 60 Jahren an der asiatisch-pazifischen Bevölkerung wird sich zwischen 1950 und 2050 verdreifachen. 1,2 Milliarden gehören dann zu den „Alten“ (heute sind es knapp 500 Millionen). Dies ist eine positive Entwicklung, wird im Bericht betont, denn darin kommt vor allem zum Ausdruck, dass die Menschen länger leben. Selbst in dem wirtschaftlich armen Bangladesch hat sich die Lebenserwartung seit 1980 um 18 Jahre erhöht.

Ältere Männer sitzen entspannt, gestützt auf ihrem Gestock, einer lächelt
In asiatischen Ländern wie Korea wird der Anteil alter Menschen in den nächsten Jahrzehnten rasch zunehmen. Darauf müssen sich die Gesellschaften stärker einstellen, zumal sich auch in Asien die Großfamilien allmählich auflösen, die bisher für das Wohlergehen alter Menschen Sorge getragen haben. Foto: UN Photo/Kibae Park

Der rasche Anstieg der Zahl alter Menschen in Ländern wie China und Thailand stellt auch für das Gesundheitswesen eine große Herausforderung dar, denn im Durchschnitt benötigen diese Menschen mehr Gesundheitsversorgung als Jüngere, und auch der Pflegebedarf steigt. Dies ist um so stärker der Fall, als sich überall in Asien die traditionellen Großfamilien mit ihren sozialen Netzen von Kindheit bis Alter allmählich auflösen. Dazu trägt wesentlich die rasche Urbanisierung bei.

Diese Entwicklung macht es auch immer dringender, die in vielen Ländern noch rudimentären Rentensysteme zügig auszubauen. Gefordert ist aber auch eine größere Wertschätzung älterer Menschen in der Gesellschaft.

Der UNDP-Bericht will die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung dazu ermutigen, von einem kurzfristigen Denken bis zu den nächsten Wahlen überzugehen zu längerfristigen Überlegungen und Planungen, bei denen die gravierenden demografischen Veränderungen der nächsten Jahrzehnte im Blick sind. Das ist auch die Voraussetzung dafür, die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung bis 2030 zu erreichen.

Der vollständige UNDP-Bericht ist als pdf-Datei verfügbar.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

 

 

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