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Alles andere reicht nicht

Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad - Nur eine schöne Zahl oder ein realer Anspruch? Essay von COP24-Jugendbeobachterin Luisa Neubauer

Ihr Lebensraum ist bedroht: Seelöwen in Island © UN Photo / Eskinder Debebe

Als der deutschen Umweltministerin Tränen über die Wange liefen und rund herum die Menschen in Jubel ausbrachen, schien es fast, als hielte die Welt den Atem an. Mit dem Abschluss der Pariser UN-Klimakonferenz am 12. Dezember 2015 wurde, so pathetisch es klingen mag, Geschichte geschrieben. Erstmals hatten sich die Mitgliedstaaten der Klimarahmenkonvention auf ein verbindliches Ziel geeinigt, das alle Mitgliedsstaaten in die Pflicht nimmt. Nicht minder relevant ist die Ausgestaltung dieses Ziels. Denn die Staaten haben sich nicht, wie bei der Klimakonferenz 2010 in Cancun angedacht, auf ein 2°Grad-Ziel geeinigt. Sie haben sich darauf verständigt, die Erderwärmung auf „well below 2 degrees“, wenn möglich auf 1,5°Grad Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Ein gewagter Schritt, warnen doch zahlreiche Wissenschaftler*innen und Studien, dass das 1,5°Grad-Ziel schon (beinahe) nicht mehr zu erreichen ist. Auch der Weltklimarat äußerte im Januar dieses Jahres Zweifel daran, ob die Weltgemeinschaft noch in der Lage sein wird, die weltweite Durchschnittstemperatur entsprechend zu drosseln. Folglich liegt der Schluss nahe, das 1,5Grad-Ziel als „schöne Zahl“ abzutun. Als schöne Zahl, die –überspitzt formuliert - einen Luxus-Anspruch in den Raum stellt, der realpolitisch nicht zu erreichen ist und deshalb dazu verleitet, das Pariser Abkommen als Glanz und Gloria abseits jeglicher Umsetzbarkeit abzutun.

Doch so leicht ist es nicht. Was das 1,5 Grad-Ziel mit sich bringt, ist ein Klimaschutzparadigma, das die Weltgemeinschaft bis dato nicht kannte. Es ist genau dieses Paradigma, dass das Ziel mit enormer Bedeutung auflädt und Pariser Klimaabkommen zu einem Abkommen beispielloser Relevanz macht.

Die Geschichte internationaler Klimapolitik ist geprägt von Konflikten zwischen Industrie- und Schwellenländern, zwischen globalem Norden und globalen Süden, von einem scheinbar unlösbaren Antagonismus zwischen hohem Wirtschaftswachstum in wenigen Teilen der Welt und unabsehbaren Umwelt-und Klimabelastungen in anderen, etwa in Küsten- und Wüstenregionen im globalen Süden. Mit beispiellosem Wohlstandswachstum Mitte des 20. Jahrhunderts begann der globale Norden, auf Kosten des globalen Südens und zukünftiger Generation zu expandieren. Gleichzeitig schafften es Schwellländer wie etwa Indien und China, ihr Wirtschaftswachstum und damit einhergehende CO2-Emissionen immer schneller an die traditionellen Industrienationen anzupassen. Und obwohl seit Jahrzehnten ein wissenschaftlicher Konsens über die Ursachen und Folgen des menschengemachen Klimawandels besteht, schaffte es keine Klimakonferenz der Vereinten Nationen, das Missverhältnis zwischen Wachstum und Klimafolgen in globalem Norden und Süden aufzubrechen. Doch dann kam Paris.

Mit dem Pariser Klimaabkommen wurden erstmals die Staaten in aller Ernsthaftigkeit einbezogen, die schon heute erleben, was Studien zufolge Mitte des 21. Jahrhunderts auch Europa zu spüren bekommen wird. Die Allianz der Kleinen Inselstaaten oder das Climate Vulnerable Forum – Verbünde der Staaten, die am stärksten unter dem Klimawandel leiden -  wurden laut und waren erfolgreich. Mit Blick auf den Klimadiskurs, der traditionell vom globalen Norden dominiert und finanziert wird, ist das der wahre Erfolg von Paris. Der 1,5 Grad-Vorschlag kam nicht von Staaten, die sich sonst in G7 oder G20-Formaten treffen. Er kam von Staaten mit wenig finanziellem oder wirtschaftlichem Kapital. Für sie trat auf  globaler Bühne ein Moment der Stille ein. Es waren diese Staaten, die sagten: 2 Grad reicht nicht, denn 2 Grad bedeutet unseren Untergang. Und die Welt nickte.

Mit dem 1,5 Grad-Ziel hat sich die Weltgemeinschaft darauf verständigt, dass alles andere nicht reicht. Ein 2 Grad-Ziel hätte Teile der Weltgemeinschaft wortwörtlich für verloren erklärt und sich damit der menschengemachten Klimaentwicklung unterworfen. Das wäre fatal gewesen, hätte die Klimakonferenz doch trotz weitbekannter Handlungsoptionen, dem Klimawandel freie Fahrt gegeben, weit über tragbare Grenzen hinaus.

Dass das 1,5 Grad-Ziel nur unter radikalen Veränderungen bekannter Produktions-, Wirtschafts- und Konsummuster zu erreichen ist, ist eine andere Debatte. Zunächst aber hat Paris etwas Einzigartiges geschaffen: Paris hat alle ins Boot geholt und einem Klimaschutzparadigma die Türen geöffnet, das von wahren Bemühungen, einem Miteinander und einer tatsächlichen Welt-Gemeinschaft zeugt.

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