Nachhaltigkeit Aktiv werden

Von der lokalen Ebene aus globale Veränderungen durchsetzen

Foto einer lachenden Frau in einem bunten Kostüm vor Ihrem Schreibtisch

Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom. Foto: Ric Cradick/Indiana University

Ohne lokale Initiativen kann der Klimawandel nicht wirksam bekämpft werden, davon war Elinor Ostrom überzeugt, die Politische Wissenschaften an der Indiana University unterrichtete. Am 12. Juni verstarb Sie mit 78 Jahren. 2009 wurde sie für ihre Arbeiten zum verantwortungsvollen Umgang mit den gemeinsamen Gütern der Menschheit mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet - und ist bislang die einzigste weibliche Trägerin des Wirtschafts-Nobelpreises. Sie sprach kürzlich mit IRIN, der Nachrichtenagentur der Vereinten Nationen zu humanitären Themen, über „Polyzentrismus“, Rio+20, den Klimawandel, Vertrauen und die Macht lokalen Handelns.

Elinor Ostrom betonte dass unser Umgang mit natürlichen Ressourcen wie Land, Ozeanen, Flüssen und der Atmosphäre große Auswirkungen auf einige der gravierendsten globalen Krisen hat, die durch Naturereignisse wie Dürren und Fluten hervorgerufen werden. Deshalb steht die Frage, wie wir verantwortungsvoll mit den natürlichen Ressourcen umgehen können, im Zentrum ihrer Arbeit. Sie hat untersucht, wie Gesellschaften in unterschiedlichen Regionen der Welt ihre gemeinsamen Ressourcen wie Fischbestände, Weideland und Wasser auf eine nachhaltige Weise nutzen.

Elinor Ostroms glaubte an die Fähigkeit von einzelnen Menschen und von Gemeinschaften, einander zu vertrauen, die richtigen Handlungswege einzuschlagen und nicht darauf zu warten, dass die Regierung etwas tut. Sie vertrat ein Konzept des „Polyzentrismus“, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Vincent Ostrom entwickelt hat. Elinor Ostrom setzte sich dafür ein, einzelne Menschen, Gemeinschaften, örtliche Behörden und lokalen Nichtregierungsorganisationen mit Entscheidungskompetenzen auszustatten, statt die Macht auf globaler oder nationaler Ebene zu konzentrieren. Sie schlug vor, den „polyzentrischen Ansatz” auch dafür zu nutzen, mit dem von Menschen verursachten Klimawandel fertig zu werden.

Das Verhalten des Einzelnen hat Einfluss auf den Klimawandel

Frage: Sie haben einen polyzentrischen Ansatz als Gegenkonzept zu einer einheitlichen Politik auf globaler Ebene vorgeschlagen, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Können Sie uns erläutern, wie das funktionieren soll? Denken Sie, dass es mit einem solchen Ansatz gelingen kann, alle Länder und Völker für eine nachhaltige Entwicklung zu gewinnen und diese dann auch zu verwirklichen?

Wir haben bisher die Wirkung individuellen Handelns auf den Klimawandel falsch eingeschätzt und müssen die Art und Weise ändern, wie wir dieses Thema betrachten. Wenn Menschen eine Strecke zu Fuß zurücklegen, statt mit dem Auto zu fahren, tun sie etwas für ihre Gesundheit. Gleichzeitig vermindert sich die Menge der Treibhausgase, die sie verursachen. Zu Fuß zu gehen, bringt den einzelnen Menschen Nutzen, und es bringt der Erde einen gewissen Nutzen. Wenn ein Hausbesitzer die Isolierung und das Heizungssystem seines Gebäudes verändert, kann dieses Handeln die Treibhausgasemissionen drastisch vermindern. Das hat direkte Auswirkungen auf die unmittelbare Umgebung und auf die Erde.

Wenn Städte und Landkreise sich entschließen, ihre Energiesysteme umzustellen, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, vermindern sie die Umweltbelastung in ihrer Region und ebenso die Treibhausgasemissionen auf der Erde. Mit anderen Worten: Der entscheidende Punkt ist, dass es eine Vielzahl von Faktoren gibt, die für die Reduzierung der Treibhausgasemissionen von Bedeutung sind. Während in der Vergangenheit in der Fachliteratur der Stellenwert lokaler Anstrengungen heruntergespielt wurde, müssen wir wahrnehmen – wie viele einzelne Menschen, Familien, Gemeinschaften und Bundesstaaten dies bereits tun –, dass wir selbst und gleichzeitig auch die Erde von solchen Anstrengungen profitieren. Durch eine Kumulierung vieler solcher kleinen Initiativen, die lokale Aktionen durchführen, kann auf globaler Ebene eine Wirkung erzielt werden. Wir haben sehr viel größere Möglichkeiten auf globale Veränderungen hinzuwirken, wenn wir auf lokaler Ebene beginnen.

Viele Menschen stehen hüfthoch in den Fluten
Angesichts der verheerenden Folgen des Klimawandels – wie zum Beispiel dieser Flutkatastrophe in Pakistan – reicht es nach Auffassung von Elinor Ostrom nicht aus, auf die Einigung der Regierungen auf einen Vertrag zum Klimaschutz zu warten. Foto: Abdul Majeed Goraya/IRIN

Lokale Initiativen und globale Klimaverhandlungen

Frage: Die Erde bildet unser gemeinsames Ressourcensystem – wobei viele Länder, darunter China und Indien, der Überzeugung sind, dass auch sie ein Recht auf Wachstum und das Verbrennen von Kohle haben, um dorthin zu gelangen, wo die entwickelte Welt bereits ist. Wie kann man diese Geisteshaltung überwinden, ohne in der Frage gleicher Möglichkeiten für alle zurückzustecken?

Es kann sein, dass wir nicht in der Lage sein werden, Indien und China von unserem Konzept zu überzeugen. Ein Grund für die entmutigenden Ergebnisse der internationalen Verhandlungen besteht darin, dass wir uns in Kämpfe auf sehr hoher Ebene verrannt haben, wer den globalen Klimawandel ursprünglich verursacht hat und wer für seine Veränderung Verantwortung übernehmen muss. Es braucht viel Zeit, um solche Konflikte zu lösen. Wenn wir in der Zwischenzeit nichts tun, nimmt die Menge der Treibhausgase auf der Welt immer weiter zu. Auch wenn wir nicht alle Aspekte des Problems lösen können, so kann doch das kumulierte Handeln auf lokaler Ebene einen großen Unterschied ausmachen, und das sollten wir nutzen.

Frage: Glauben Sie, dass eine nachhaltige Entwicklung so wenig Unterstützung gefunden hat, weil sie von Regierungen mit einem Ansatz des „von oben nach unten“ gesteuert worden ist? Denken Sie, dass die Welt diesen Fehler auch bei der Konferenz Rio+20 machen wird? Was würden Sie tun – würden Sie überhaupt zu einer solchen Versammlung von Regierungsvertretern einladen?

Ja, ich glaube, dass die Behandlung der Frage des Klimawandels auf Regierungsebene unberücksichtigt lässt, dass Maßnahmen zur Verminderung der Treibhausgase von einzelnen Menschen, Gemeinschaften, Städten, Bundesstaaten und Bewohnern ganzer Nationen und der ganzen Welt ergriffen werden müssen. Dennoch ist es wichtig, dass die verantwortlichen Politiker wahrnehmen, dass ein internationales Abkommen von Bedeutung ist und dass sie deshalb sehr hart dafür arbeiten sollten, ein solches Abkommen abzuschließen. Es eröffnet die Chance für internationale Regeln, die verhindern, dass die Verminderungen von Emissionen an Ländergrenzen halt machen.

Die Menschen vor Ort kennen die Probleme besser – und finden kreative Lösungen

Frage: Sie setzen großes Vertrauen in die Fähigkeit von einfachen Leuten, sich zu organisieren und ihre gemeinsamen Ressourcen auf eine kluge Weise zu nutzen, aber funktioniert dies jederzeit? Und kann gemeinsames Handeln an der Basis schließlich immer Veränderungen an der Spitze erzwingen?

Ich glaube an die Fähigkeit der Menschen, sich auf lokaler Ebene zu organisieren. Das bedeutet aber nicht, dass sie dies auch immer tun. Es gibt eine sehr große Vielfalt von Problemen auf lokaler Ebene, die ein gemeinsames Handeln erfordern würden. Das Wichtige ist, dass die Menschen vor Ort, die die Einzelheiten der Probleme kennen, sich selbst organisieren, statt sich an übergeordnete Behörden zu wenden.

Beamte auf überregionaler Ebene müssen sich mit vielen Problemen beschäftigen, die ein gemeinsames Handeln erfordern. Sie verfügen nicht über die gleichen detaillierten Informationen über Probleme auf örtlicher Ebene wie die Menschen, die tagtäglich mit diesen Problemen konfrontiert sind. Deshalb besteht die Aussicht, dass Lösungen, die von den Menschen vor Ort entwickelt werden, phantasievollere und bessere Wege aufzeigen, die Probleme zu beseitigen. Es muss vermieden werden, dass die Probleme ungelöst bleiben und schließlich eine überregionale Stelle aufgefordert wird, sich um sie zu kümmern.

Fünf Menschen bei der Reisernte. Sie müssen sich bücken, um an die Pflanzen zu kommen.
Bauernfamilien des Dorfes Masongbo in Sierra Leone haben sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen, um gemeinsam Reis anzubauen. Grundlage für eine erfolgreiche Genossenschaft ist gegenseitiges Vertrauen. Foto: David Hecht/IRIN

Frage: Dieser Ansatz funktioniert vermutlich besser in ländlichen Gebieten, wo ein Gemeinschaftsgefühl vorhanden ist und wo man sich der gemeinsamen Verantwortung für die Erhaltung der gemeinschaftlichen Ressourcen bewusst ist. Aber wie kommt man in einer städtischen Umgebung zu einem gemeinsamen Bewusstsein der Verantwortung für den Planeten?

Die heiklen Probleme auf jedweder Ebene zu lösen, erfordert Menschen, die darauf vertrauen, dass auch andere zur Lösung der Probleme beitragen werden. Aber Vertrauen entsteht nicht über Nacht. Deshalb ist es von ausschlaggebender Bedeutung, dass erfolgreiche Bemühungen auf lokaler Ebene überall in dem betreffenden Entwicklungsland bekannt gemacht und gut vermittelt werden.

Es geht darum, Zusammenschlüsse innerhalb auf örtlicher Ebene aufzubauen, in denen ernsthafte Diskussionen über die Probleme stattfinden können, vor denen diese Menschen stehen. Sie können dann kreative Wege kennenlernen, die andere Gemeinschaften erfolgreich gegangen sind, als sie vor ähnlichen Problemen standen. Das bedeutet nicht, dass die Lösungen, die in einer Situation in einem bestimmten Land funktioniert haben, auch in anderen Situationen funktionieren werden. Aber wenn man die Lösungen, die in einer lokalen Situation zu Erfolgen geführt haben, woanders vorstellt, dann wissen die Menschen dort genug über die sozio-ökologischen Besonderheiten der Probleme, vor denen sie selbst stehen, um zu guten Lösungen zu gelangen. Das sind Lösungen, die angemessen sind für die sozio-ökologischen Verhältnisse an ihrem Ort.

Eine junge Frau mit einem Kind sind kaum zu erkennen, so dicht fegt der Sandsturm über das Land.
Kinder in einem Sandsturm in Niger. Als Folge des Klimawandels kommt es in diesem westafrikanischen Land immer häufiger zu extremen Wetterereignissen wie Dürren. Nimmt die Weltöffentlichkeit wahr, dass viele Familien gezwungen werden, ihre Heimatdörfer zu verlassen? Foto: Jaspreet Kindra/IRIN

Auf vielfältigen Wegen zum Ziel kommen

Ich habe über die kürzliche Dürre in Niger berichtet. Ich bin dort auf Menschen getroffen, die ihre Sachen gepackt und ihre Dörfer für immer verlassen haben. Wird dies Menschen, Länder und Regierungen dazu veranlassen, etwas zu tun, um die Emissionen zu reduzieren? Wie können wir die Menschen in Europa, in den USA oder in Asien dazu bewegen, so an die Menschen in Niger zu denken, als wären es ihre Nachbarn?

Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Die Kirchen und die Nichtregierungsorganisationen können eine besondere Rolle übernehmen, weil sie die Probleme kennen, mit denen sich die Dorfbewohner in Niger und anderen Entwicklungsländern konfrontiert sehen, und dann versuchen zu helfen. Sie können auf eine solche Weise Berichte über diese Probleme schreiben, dass es den Menschen in Großbritannien, Europa oder den USA möglich wird, die Probleme besser zu verstehen.

In manchen Fällen besteht ein Problem darin, dass die politisch Verantwortlichen in Entwicklungsländern korrupt sind, sodass die Hilfe für das Land lediglich auf ihre privaten Bankkonten fließt. Wir müssen neu darüber nachdenken, wie wir möglichst viele Menschen auf unterschiedlichen Ebenen an den politischen Entscheidungsprozessen in einem Land beteiligen, sodass die Wahrscheinlichkeit drastisch sinkt, dass einige Leute sehr viel Macht besitzen und in der Lage sind, ihre öffentlichen Ämter vor allem dafür zu nutzen, private Vorteile zu erlangen.

Erwarten Sie, dass sich die Welt in den nächsten fünf Jahren unisono in Richtung Nachhaltigkeit bewegt? Denken Sie, dass die Welt darauf vorbereitet ist, diese Thematik anzupacken und dies gerade jetzt während einer Rezession?

Nein, ich sehe nicht, dass sich die Welt unisono in diese Richtung bewegt. Aber es ermutigt mich, dass ich in allen Teilen der Welt Bewegungen wahrnehme. Aber das sind keineswegs überall die gleichen Bewegungen. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir überall den gleichen Weg gehen sollten. Wir müssen die Komplexität der Probleme erkennen, mit denen man sich in einer großen Vielfalt von Regionen der Welt konfrontiert sieht. Deshalb kann es sein, dass großartige Lösungen, die in einer Region funktioniert haben, in anderen Regionen nicht funktionieren. Wir müssen verstehen lernen, warum das so ist, und Wege finden, aus guten und schlechten Beispielen zu lernen, wie wir selbst vorankommen können.
(Übersetzung aus dem Englischen: Frank Kürschner-Pelkmann)

* Das Interview erscheint posthum. Frau Ostrom verstarb am 12.Juni im Alter von 78 Jahren.

 

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