Wirtschaft

Kühe müssen draußen blieben

An einem steilen Abhang sieht man keinerlei Pflanzendecke, die Erde liegt frei

Bodenerosion gehört zu den gravierendsten Problemen in Äthiopien. Foto IFAD

„Vor einiger Zeit war kaum noch Gras auf unserem kommunalen Land übrig geblieben. Überall gab es nur Steine und Felsen, und wir mussten von Händlern Gras für unser Vieh kaufen. Das war sehr teuer.“ So erinnert sich Bitenesh, eine junge äthiopische Mutter, die geschieden ist und nun sich und ihr zweijähriges Kind allein durchbringen muss. Ihre größten Besitztümer sind drei Kühen, vier Ziegen und ein Esel. Deshalb hat sie hart getroffen, dass ihr Vieh auf den gemeinsamen Weideflächen des Dorfes immer weniger Gras fand. Aber das hat sich inzwischen geändert: „Jetzt sind meine Tiere gut genährt und viel gesünder.“

Die Bäuerin profitiert von einem Projekt nordwestlich vom Tanasee. Dort wird gezeigt, dass es der Viehzucht nützen kann, die Kühe und Ziegen von bestimmten Weideflächen fernzuhalten. Biteneshs Heimat Äthiopien ist das afrikanische Land mit dem größten Viehbestand, aber viele Weideflächen sind durch eine zu intensive Beweidung stark geschädigt. Es droht eine so gravierende Degradierung dieses Weidelandes, dass es dauerhaft für die landwirtschaftliche Nutzung verloren geht. Diese Prozesse werden durch den Klimawandel beschleunigt.

Äthiopien: Klimaschutz verbessern und Erträge erhöhen

Dem wirkt das „Community-based Natural Resource Management Project“ entgegen, das von der lokalen Bevölkerung getragene Projekt zum Management lokaler Ressourcen. Das Projekt wird gemeinsam vom „Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung“ IFAD, äthiopischer Regierung und mehreren fördernden Stellen getragen.

Grundidee des Projektes ist es, stark geschädigte Weideflächen einzuzäunen und ausschließlich für die Gewinnung von Viehfutter zu nutzen. Durch das „cut and carry“-System, also das Schneiden des Grases und dessen Transport zum Vieh, wird eine natürliche Regeneration der Böden und der Vegetation ermöglicht.

Zusätzlich sorgen Gräben dafür, dass Regenwasser von den Berghängen nicht gleich abfließt und wertvollen Boden mit sich reißt, sondern gespeichert wird. Solche Maßnahmen erleichtern es den Bauernfamilien, mit vermehrten Dürren als Folge des Klimawandels fertig zu werden und der weiteren Ausbreitung der Wüsten entgegenzuwirken.

Von dem IFAD-Programm profitieren mehr als 300.000 äthiopische Haushalte. Großer Wert wird auf die aktive Einbeziehung der Bevölkerung und besonders der Frauen gelegt, zum Beispiel bei der Frage, welche Flächen eingezäunt und damit der bisherigen Beweidung entzogen werden.

Eine kleine Gruppe hockt über einer kleinen, quadratisch markierten Fläche auf einer großen Weide
Gemeinsam mit einheimischen Landwirten hat die IFAD-Wissenschaftlerin Jenny Ferguson untersucht, in welchem Umfang sich die Vegetation äthiopischer Weideflächen erholt, wenn eine Beweidung aufgegeben und stattdessen Futter angebaut wird. Foto: IFAD

Der Landwirtschaftsexperte Workneh Andarge erinnert sich: „Zunächst leistete die lokale Gemeinschaft Widerstand dagegen, dass bestimmte Flächen nicht mehr beweidet werden sollten. Die Leute sagten, dass ihr Vieh Weideflächen benötigen würde, und sie konnten nicht verstehen, wie das Einzäunen von Weiden ihre Situation verbessern könnte.“ Aber nach dem Besuch von ähnlichen Projekten in anderen Teilen Äthiopiens nahmen die Bauern wahr, welchen Nutzen ein solches Projekt haben konnte.

Geschädigte Weideflächen erholen sich

Das Programm kann eindrucksvolle Ergebnisse vorweisen. Auf den eingezäunten Hochlandflächen ist der Heuertrag um ein Vielfaches höher als auf benachbarten Flächen. Allerdings dauert es bei stark degradierten Flächen bis zu vier Jahre, bevor der Boden wieder zu mehr als 90 % mit Pflanzen bedeckt ist. Die Bereitstellung von Bienenvölkern begünstigt diesen Prozess, denn die Bienenzucht fördert die Pflanzenvielfalt und sorgt gleichzeitig für ein Zusatzeinkommen von Bauernfamilien.

Jenny Ferguson, die als IFAD-Feldforscherin tätig ist, kommt in einem Bericht über das Programm zu einem positiven Ergebnis: „Die erneuerte Vegetation in den einzäunten Flächen kann Futter für eine bessere Ernährung des Viehs bereitstellen. Auch hilft sie dabei, die Erosion zu vermindern und fördert die Ausbreitung einer größeren Zahl einheimischer Pflanzen- und Tierarten in den stark geschädigten offenen Weideflächen. Wenn ein ausgewogenes System der Viehfutterernte eingeführt wird, kann dies das Problem des Futtermangels lösen, die bisher größte Schwierigkeit für die Viehzucht in der Region. Daher kann ein sorgfältig betriebenes System der Einfriedung zu einer Verminderung von Landdegradation und von Armut in ländlichen Gebieten beitragen.“

Mit ASAP dem Klimawandel trotzen

Fast bis zur Brust reichen die Pflanzen, die Workneh Andarge uns zeigt
Der äthiopische Landwirtschaftsexperte Workneh Andarge zeigt, wie üppig die Futterpflanzen wachsen, seitdem die Beweidung beendet wurde. Foto: IFAD

Das Projekt in Äthiopien ist ein erfolgreiches Beispiel im Rahmen des „Adaption for Smallholder Agriculture Programme“ (ASAP), des Anpassungsprogramms für kleinbäuerliche Landwirtschaftsbetriebe. Es wurde 2012 von IFAD ins Leben gerufen und soll mindestens acht Millionen armen Kleinbauernfamilien in Entwicklungsländern helfen, eine Steigerung ihrer Ernteerträge zu koppeln mit einer Reduzierung der Verletzlichkeit durch Extremwetterereignisse und andere Folgen des Klimawandels.

Kleinbauernfamilien sind besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen, weil sie meist Flächen bearbeiten, die besonders dürre- und/oder flutgefährdet sind. Außerdem ist ihre Existenz durch Katastrophen unmittelbar bedroht, weil ihnen Kapital für einen Neuanfang oder auch nur das Überleben nach einer vernichteten Ernte fehlt.

Deshalb hilft IFAD den Kleinbauernfamilien dabei, ihre Widerstandskraft gegenüber schleichenden oder akut auftretenden Folgen des Klimawandels zu stärken. Das Spektrum der Maßnahmen reicht von der Verbreitung angepasster Technologien über das Sammeln und Speichern von Regenwasser bis zu Versicherungssystemen gegen die Folgen von Extremwetterereignissen.

Anbauprodukte werden an veränderte Klimaverhältnisse angepasst

Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist die Diversifizierung von Ackerbau und Viehzucht der kleinen Agrarbetriebe. Bisher hängen sie häufig von ein oder zwei Anbauprodukten oder Nutztierarten ab. Das führt zu großen Risiken, wenn zum Beispiel eine längere Trockenheit zu einer Missernte bei Mais oder Kaffee führt. Verknüpft mit der Diversifizierung ist die Wahl von dürreresistenten Pflanzen- und Tierarten.

Ein Beispiel: In Nicaragua wird den Kaffeebauern im Hochland geholfen, mit höheren Durchschnittstemperaturen (es werden 2,3 Grad mehr bis 2050 erwartet) und abnehmenden Niederschlägen fertig zu werden. Gefördert werden zum Beispiel Kaffeepflanzen, die gut im Schatten von Bäumen wachsen und so besser Hitzewellen überstehen können. Außerdem wird eine Ausweitung des Kakaoanbaus unterstützt, und es werden Maßnahmen zu einem effizienteren Wassereinsatz propagiert.

Eine Broschüre über das ASAP-Programm kann auf der Website von IFAD als pdf-Datei heruntergeladen werden. Ein kurzer Film über das Programm ist auf Youtube zu finden.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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