Katastrophen

Keine nachhaltige Entwicklung ohne Katastrophenvorsorge

Weltkarte zeigt die Gefährdung für jedes Land.

Der WeltRisikoIndex zeigt, dass die Gefährdung der Menschen durch Katastrophen in Afrika, Asien und Teilen Lateinamerikas besonders groß ist. Quelle: Bündnis Entwicklung Hilft/WeltRisikoBericht (Durch das Klicken auf die Weltkarte gelangen Sie zu einer

Eine zerstörte Umwelt trägt wesentlich zur Erhöhung des Katastrophenrisikos bei. Das zeigt der WeltRisikoBericht 2012, den das „Bündnis Entwicklung Hilft“  gemeinsam mit der der Universität der Vereinten Nationen und der Umweltschutzorganisation „The Nature Concervancy“ veröffentlicht hat. Die Bilanz für die Dekade 2002 bis 2011 ist alarmierend: 4.130 Katastrophen, mehr als eine Million Tote und ein wirtschaftlicher Schaden von mindestens 1,195 Billionen US-Dollar. Dass  Katastrophen immer häufiger auftreten, liegt nach Erkenntnissen der Verfasserinnen und Verfasser des Berichts an einem Zusammenwirken von vermehrten Umweltschäden und globalem Klimawandel. So hat zum Beispiel in Pakistan die Rodung von Bergwäldern zu Bodenerosion und zu vermehrten Überschwemmungen geführt, was die Auswirkungen von Wetterextremen als Folge des Klimawandels verstärkt hat.

Globale Hotspots des Katastrophenrisikos

Der WeltRisikoIndex des Berichtes berechnet für 173 Länder das Risiko, Opfer einer Katastrophe als Folge eines Naturereignisses zu werden. Das Risiko wird bestimmt durch das Ausmaß, in dem Gesellschaften Naturgefahren wie Dürren, Stürmen oder Erdbeben ausgesetzt sind, und durch den Grad ihrer Verwundbarkeit. Letztere hängt von gesellschaftlichen Faktoren ab – wie der jeweiligen Ernährungssituation, der öffentlichen Infrastruktur, der medizinischen Versorgung, der Regierungsführung, dem Bildungsniveau und dem Zustand der Umwelt.

Mit einem Wert von 36,31 Prozent ist das Risiko für eine Katastrophe im pazifischen Inselstaat Vanuatu am größten. Malta und Katar haben mit einem Prozentsatz von 0,61 bzw. 0,10 Prozent weltweit das geringste Risiko. Deutschland liegt mit 3,27 Prozent auf Rang 146 und damit in der niedrigsten der fünf Risiko-Klassen.

Die Titelseite zeigt einen zerstörten Strandabschnitt.
Der WeltRisikoBericht analysiert, warum das Risiko, Opfer von Katastrophen zu werden, in einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ist und welche Präventionskonzepte aussichtsreich sind.

„Globale Hotspots des Katastrophenrisikos haben wir in Ozeanien, in Südostasien, im südlichen Sahel und insbesondere in Mittelamerika und der Karibik aufgezeigt. Dort trifft eine sehr hohe Gefährdung gegenüber Naturgefahren und Klimawandel auf sehr verwundbare Gesellschaften“, erklärt Dr. Jörn Birkmann, der wissenschaftliche Leiter des WeltRisikoIndex-Projektes an der UN-Universität in Bonn. „Ein solcher Risiko-Hotspot ist zum Beispiel Haiti. In Neuseeland und Haiti ereigneten sich kurz aufeinanderfolgend Erdbeben in vergleichbarer Intensität. Während Neuseeland 187 Todesopfer zu beklagen hatte, kostete das Erdbeben in Haiti über 220.000 Menschenleben.“

Umweltzerstörungen erhöhen die Gefährdungen durch Katastrophen

Peter Mucke, Geschäftsführer von „Bündnis Entwicklung Hilft“, stellte anlässlich der Präsentation des Berichtes in Bonn fest: „Der aktuelle WeltRisikoBericht führt uns plastisch vor Augen, dass Umweltzerstörungen im globalen Maßstab zunehmend auch zu einer direkten Gefahr für die Menschen werden. Denn wo Hänge entwaldet sind, wo schützende Riffe, Mangroven und Feuchtgebiete degeneriert oder sogar komplett verschwunden sind, treffen Naturgewalten mit ungleich größerer Wucht auf die bewohnten Gebiete.“

Im Bericht wird unter anderem dargestellt, wie sich steigender Meeresspiegel und heftigere Stürme besonders in kleinen wenig entwickelten Inselstaaten zum Beispiel in der Karibik auswirken, ebenso in armen Ländern mit einer hohen Bevölkerungsdichte in niedrigen Küstenregionen wie zum Beispiel Bangladesch. Welche Konsequenzen dies für präventive Maßnahmen hat, betont Michael W. Beck, Meeresbiologe bei „The Nature Concervancy“: „Riffe und Mangroven bilden einen natürlichen Küstenschutz mit einer Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz, die ‚graue Lösungen‘ wie Meereswälle und Wellenbrecher aus Beton niemals erreichen können.“

Katastrophenvorsorge als Teil einer nachhaltigen Entwicklung

Peter Mucke
Peter Mucke vom „Bündnis Entwicklung Hilft“ setzt sich für „grüne Lösungen“ in der Katastrophenprävention ein. Foto: Bündnis Entwicklung Hilft

Zu den politischen Konsequenzen solcher Einsichten diagnostiziert Peter Mucke: „Der wechselseitige Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und Katastrophenrisiko wurde von der Politik bislang zu wenig beachtet. Katastrophenprävention unter Einbeziehung ‚grüner Lösungen‘ sollte zu einem elementaren Bestandteil der internationalen Entwicklungsverhandlungen werden. Denn Katastrophenschutz muss ein Recht für alle Menschen sein.“

Eine Erkenntnis des WeltRisikoBerichtes lautet, dass die Katastrophenvorsorge ein unverzichtbarer Teil jeder nachhaltigen Entwicklung sein muss. Im Bericht wird festgestellt: „Das Konzept der Reduzierung von Risiken kann Umwelt-, soziale und wirtschaftliche Ziele verbinden.“ Ein zentrales Element solcher Konzepte ist die Wiederherstellung von Lebensräumen, wobei Gebiete in der Nähe menschlicher Siedlungen Priorität haben sollten. In tropischen Küstenregionen kommt dem Schutz von Riffen eine besondere Bedeutung zu. In Mittelamerika muss der Ausbreitung der Großplantagenwirtschaft aus sozialen Gründen und wegen der Umweltschäden und Katastrophengefährdung von riesigen Monokulturflächen entgegengewirkt werden.

Positiv wird in dem Bericht vermerkt, dass es in der letzten Phase der Vorbereitung der UN-Weltgipfel über nachhaltige Entwicklung „Rio+20“ doch noch gelungen ist, Fragen der Reduzierung des Katastrophenrisikos in die Beschlüsse einzubringen. Deshalb wird diese Thematik nun bei der Formulierung von nachhaltigen Entwicklungszielen und internationalen Entwicklungskonzepten einbezogen werden. Eine Forderung des WeltRisikoBerichtes lautet: „Alle Strategien nachhaltiger Entwicklung sollten auch dem Ziel dienen, Katastrophenrisiken zu reduzieren.“  

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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