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Israels Grenzgängerin: Ein Portrait der israelischen UN-Jugenddelegierten

Rasha Athamni auf dem Jerusalemer Markt

Rasha Athamni auf dem Jerusalemer Markt (Quelle: Elise Zerrath)

Sie ist jung, arabisch und kämpft. Kein Einzelfall in Israel. Doch Rasha Athamni führt einen besonderen Kampf - ohne Messer, Waffen, Anfeindungen. Sie kämpft für den jüdischen Staat. Als Araberin. Ihr Heimatland will sie gleichberechtigt mitgestalten, auch beruflich. Als erste arabische Botschafterin möchte sie Israel in der Welt vertreten. Es passt zu ihr, das Leben als Grenzgängerin. Denn Grenzen im eigenen Land überwindet sie schon jetzt.

Ihr Lachen schallt laut durch Jerusalems Markthalle. Mit einer unvergleichbaren Leichtigkeit erzählt Rasha Athamni von ihrem Leben. Doch Leichtigkeit ist genau das, was man in ihren Erzählungen vergeblich sucht. Aufgewachsen ist sie als Jüngste von neun Geschwistern. Ihre Mutter ist Analphabetin – in ihrer Generation haben arabische Mädchen größtenteils keine Schule besuchen können. Rashas Vater hat die Grundschule abgebrochen, arbeitete als Lieferant und ist durch eine Alzheimererkrankung inzwischen arbeitsunfähig. Ihre Geschwister sind wie Geschwister eben sind. Unterschiedlich. Einige von ihnen können bis heute nicht richtig lesen und schreiben.

Wenn Rasha von ihrer Familie erzählt, ist es als würde man mit ihr in eine andere Welt reisen. Eine Welt, in der sie gleichzeitig Einheimische und Fremde ist. Sie selbst hat als einzige in ihrer Familie einen Universitätsabschluss, wurde vom israelischen Außenministerium als Beraterin nach New York entsendet, führt ein Leben mit zahlreichen Möglichkeiten. Ihr Leben in Jerusalem scheint fern von ihrer arabischen Heimatstadt Baqa al-Gharbiyye. Und trotzdem ist sie auch immer noch Teil ihrer alten Welt. Hier ist sie aufgewachsen, in einem muslimischen Umfeld. Arabisch ist ihre Muttersprache. Erst in der Schule hat sie Hebräisch gelernt und mit der Sprache kam die Frage: wer bin ich? Wo gehöre ich dazu? Bin ich Palästinenserin, weil ich palästinensische Wurzeln habe? Oder bin ich Israelin, schließlich lebe ich hier? Welche Welt ist meine?

Israel: Flickenteppich von Welten

Israel ist wohl wie kaum ein anderes Land ein Flickenteppich von Welten. Welten, die häufig nebeneinander bestehen, selten miteinander. 75% der israelischen Bevölkerung sind jüdisch, 20% arabisch, 5% andersgläubig. Doch es sind nicht zwangsläufig die Religionen, die die Grenzen der Welten definieren. Säkulare Juden können säkularen Muslimen näher stehen als orthodoxen Juden. Tatsächlich ist das Judentum viel mehr eine Nationalität als eine Religion. Jüdisch und ungläubig zu sein, das geht. Besonders Tel Aviv ist ein Sammelbecken der Ungläubigen, der Gegenentwurf zu Jerusalem. In Tel Aviv tritt Religionszugehörigkeit als Grenze zwischen „uns“ und „den anderen“ in den Hintergrund. Die Grenzen werden gezogen zwischen Surfern und Nicht-Surfern, Homosexuellen und Heterosexuellen, Jung und Alt. Dabei gilt, was in Israel eben gilt: der Grenzverlauf ist nicht eindeutig.

Rasha hat lange nach ihrem Platz auf dem Flickenteppich gesucht. Eigentlich sogar nach viel mehr. Sie suchte nach der eigenen Identität. Es war ihr innerer Nahostkonflikt. Sie ist nicht jüdisch und spricht Arabisch, demnach muss sie Palästinenserin sein. Aber ihr Pass sagt etwas anderes. Wie so häufig im Leben wartete die Antwort an einem ungewöhnlichen Ort. Dem israelischen Parlament, der Knesset. Hier begann sie als Tourguide zu arbeiten und stellte fest: hier sitzen auch Araber. Als Abgeordnete. Gleichberechtigt gestalten sie die israelische Politik mit. Rasha stellte für sich fest: Es ist kein Widerspruch Araberin und Israelin zu sein. Kein „entweder oder“, sondern ein „sowohl als auch“. Und so wurde sie zu dem, was sie ist: arabische Israelin.

Identitätssuche in der Knesset

In der Knesset fand sie nicht nur ihre Identität. Sondern auch ihre politische Stimme. Sie wurde kritischer, hinterfragte mehr. In ihrer eigenen Community wird Politik nicht diskutiert. Es gibt eine Art Paranoia – unberechtigte Paranoia, wie sie es nennt. Eine Paranoia, die sich aus Ängsten nährt. Dass Menschen im Gefängnis landen, Häuser abgerissen werden, Mauern entstehen. Wie in ihrer Stadt, die inzwischen von einer Mauer geteilt wird: Der westliche Teil liegt in Israel, der Osten im Gebiet der West Bank. Aber für Rasha ist Politik nicht die Ursache von Problemen, sondern ein Weg zu ihrer Lösung. Israel ist ein jüdischer Staat – und demokratisch. Und Rasha verstand: In einer Demokratie gibt es keine Bürger erster und zweiter Klasse. Gleichberechtigung ist der Grundsatz, Teilhabe der Motor. Sie hörte Reden von Abgeordneten. Und lernte: wer eine Gesellschaft voranbringen möchte, muss Missstände benennen. Muss kritisieren. Und mit Kritik spart sie nicht.

Rasha Athamni (Quelle: Elise Zerrath)

Denn sie wird immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen sie merkt: es gibt eine Sonderbehandlung für mich. Sie kann in Israel kein Land kaufen, obwohl sie Israelin ist, aber eben nicht jüdisch. Soldaten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) halten häufig auf der Straße verdächtige Leute an – meistens sind es Araber. Sie weiß, warum. In jüngster Vergangenheit wurden junge Araber immer wieder zu Attentätern. Sie versucht den unangenehmen Situationen zu umgehen, indem sie auf der Straße kein Arabisch spricht.Rasha muss plötzlich laut auflachen. Der Limonadenverkäufer schreit unüberhörbar durch die Markthalle. Rasha übersetzt aus dem Hebräischen: „Wenn es Ihnen nicht schmeckt, schreiben Sie gern eine E-Mail an limonade@markt.il. Der Kundenservice meldet sich bei Ihnen“. Er scheint selbst sein bester Kunde zu sein – weniger beim Zuckergetränk und mehr bei der Flasche Arak. Bei all den Spannungen gibt es eben auch den Alltag. Mit dem unverkennbaren israelischen Humor.

Verständigung möglich?

Rashas Mine wird wieder ernster. Es gibt noch viel zu tun in ihrem Land, weiß sie. Auf beiden Seiten. Es fehlt an Verständigung zwischen Arabern und Juden. Rasha hat es selbst erlebt. An der Hebräischen Universität in Jerusalem studierte sie Psychologie und Englische Literatur. Und obwohl hier Juden und Muslime gemeinsam lernen, musste sie feststellen: sie teilen zwar Hörsäle, Prüfungsstress, Sportgruppen - aber selten Freundschaften. Das lässt sich pragmatisch erklären: Jüdische Israelis absolvieren in der Regel einen mehrjährigen Militärdienst, zwei Jahre sind es bei Frauen und drei bei Männern. Arabische Israelis sind von der Wehrpflicht befreit, häufig gehen sie direkt nach dem Schulabschluss zur Universität. Und so ist ein Altersunterschied von drei Jahren keine Seltenheit. Aber tatsächlich liegt das Problem tiefer. Häufig fehlt das beidseitige Interesse.

Rasha hofft einen Schritt zu machen. Mehr Berührungspunkte zu schaffen. Ein Vorbild für andere zu sein. Und sie schafft es. Seit mehreren Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich in Versöhnungsprojekten der Organisation „Seeds of Peace“, Samen des Friedens. Das israelische Außenministerium hat sie als UN-Jugenddelegierte ausgewählt. Sie vertrat die jungen Menschen in Israel bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York. Genau dahin will sie eines Tages zurück, zu den Vereinten Nationen. Als Botschafterin. Eigentlich steht sie den UN kritisch gegenüber. Israel wird dort unfair behandelt, findet sie. Iran, Nordkorea, Saudi-Arabien verpassen keine Gelegenheit Israel zu kritisieren. Es gibt mehr Resolutionen, die auf Menschenrechtsverstöße in Israel hinweisen als in diktatorischen Regimen. Aber sie will zurück. Und zwar aus einem besonderen Grund. New York fasziniert sie. Es ist die Sehnsucht an einem Ort zu leben, wo jeder akzeptiert wird. Wo jeder anders, jeder fremd ist. Und man sich nicht mit Skepsis, sondern mit Neugier begegnet. Dort findet sie die Hoffnung, für das was möglich ist.

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Autorin: Elise Zerrath

Die Autorin war UN Jugenddelegierte 2013 und begleitete die deutsche Delegation zur 68. UN Generalversammlung. 2014 hospitierte sie im Rahmen des Carlo-Schmid-Programms im UN Women Büro in Santo Domingo, Dominikanische Republik.

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