Klimaflucht

Irans Urmiasee wird zur Salzwüste

Schrumpfung des Urmiasees 1984 bis 2011, NASA

Der Urmiasee im Nordwesten Irans trocknet aus. Mit seiner zehnfachen Fläche des Bodensees ist er der größte Binnensee des Nahen Ostens und einer der größten Salzseen der Erde. Das Seegebiet, das im Jahr 1976 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt wurde, droht nun zu sterben. Seit dem Jahr 1995 ist der See um mehr als 80 Prozent seiner ursprünglichen Fläche auf 1000 Quadratkilometer geschrumpft. Aktuellen Berichten zufolge seien sogar nur noch sieben Prozent des Wasservolumens vorhanden. Ohne Gegenmaßnahmen könnte der See innerhalb von zwei Jahren eine komplette Salzwüste sein. (Siehe auch UNDP-Übersicht zum Urmiasee, März 2014)

Zusammenbruch des Ökosystems und dessen Folgen

Einst ein einzigartiges Biotop mit über 102 Inseln und einer artenreichen Flora und Fauna, war der Urmiasee mit seiner üppigen grünen Landschaft auch Zwischenlandeplatz für zahlreiche Zugvögel wie Flamingos, Pelikane und Möwen. Die Region wurde in den siebziger Jahren zum Nationalpark ernannt. In der RAMSAR-Konvention ist er seit 1971 als Feuchtgebiet und Lebensraum für Wasser- und Watvögel von internationaler Bedeutung gelistet. Heute ist der Lebensraum vieler Pflanzen- und Tierarten, wie etwa die Salinenkrebse (Artmia urumiana), die von dem Mikroklima der Seeregion abhängig sind, bedroht.

Gary Lewis, Residierender Koordinator der Vereinten Nationen in Iran, im Dezember 2013, Foto: piczard.com
Gary Lewis, Residierender Koordinator der Vereinten Nationen in Iran, im Dezember 2013, Foto: piczard.com

Mit dem Klimawandel steigen die Temperaturen. Regenfälle bleiben aus, das Wasser des Sees verdunstet zunehmend und die Salzkonzentration steigt. Der Salzgehalt liegt zwischen 87 und 275 Gramm pro Liter - es wurde zeitweise aber auch ein Salzgehalt von über 330 Gramm pro Liter gemessen. Der See wird zur Salzwüste. Das Salz dringt in das Grundwasser ein und zerstört die Felder und Nutzpflanzen in der Region. Die lokale Bevölkerung bleibt nicht verschont und der Anbau von Nutzpflanzen und die Produktion von Nahrungsmitteln ist gefährdet.

Gesundheitsschädliche Salzstürme, die die gesamte Region, auch Irans Anrainerstaaten, bedrohen und bis nach Teheran vordringen können, die Dürre und der Wassermangel zwingen die Menschen bereits jetzt, ihre Heimat zu verlassen. Bis zu fünf Millionen Klimaflüchtlinge können die Folgen dieses Umweltdesasters sein; weitere 15 Millionen Menschen wären unmittelbar von den Folgen betroffen.

Neben der regionalen Landwirtschaft ist auch die Tourismusbranche, die für viele Menschen die einzige Einnahmequelle ist, von dieser Umwelttragödie betroffen. Das einst beliebte Erholungsgebiet wurde nicht nur wegen des hohen Mineralgehalts des Schlamms und dessen heilbringender Wirkung geschätzt.

Die Gründe für die Austrocknung des Sees sind vielschichtig. Neben dem Klimawandel sind auch der steigende Wasserbedarf in der Landwirtschaft und Industrie, aber auch in Haushalten, der Bau von Staudämmen und illegalen Brunnen sowie jahrelanges Missmanagement der Regierungen und Behörden insbesondere unter der Regierung von Mahmud Ahmadinejad für den Rückgang des Wasserpegels verantwortlich. Mehrere Dutzend Staudämme verhindern die Frischwasserzufuhr der 21 Zuflüsse. "Nicht nur die Natur oder die Dürre sind schuld daran", so Issa Kalantari, Leiter der Kommission zur Rettung des Urmiasees, die der iranische Präsident Hassan Rohani ins Leben gerufen hatte. "Die Menschen sind für diese Situation verantwortlich." Der See wurde zudem durch einen 28 m breiten Damm in eine nördliche und südliche Hälfte geteilt. Der Durchfluss ist nur über eine 1,4 km breite Öffnung möglich. Von 2004 bis 2008 wurde zusätzlich eine Brücke darüber gebaut.

Schrumpfung des Urmiasees 1984 bis 2011, NASA
Schrumpfung des Urmiasees 1984 bis 2011, NASA (animierte Abbildung)

Internationale Beteiligung

Die iranische Regierung hat die Not der Lage erkannt. Die Rettung des Sees ist eines der Versprechen, die Rohani während seines Präsidentschaftswahlkampfs im Jahr 2013 gegeben hatte. Kurz nach Amtsantritt im August 2013 richtete er die Expertenkommission ein und versprach, persönlich Verantwortung zu übernehmen. Doch allein kann Iran die Rettung des Sees nicht stemmen und rief deshalb die Vereinten Nationen und internationale Experten um Hilfe an.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), die UNESCO und verschiedene Geberländer wie Deutschland und Japan arbeiten zusammen mit der Regierung, um den Salzsee vor der fortschreitenden Austrocknung zu bewahren.

Maßnahmen zur Rettung des Sees

Mehr als 20 Empfehlungen liegen auf dem Tisch. Internationale und nationale Wissenschaftler kamen im Februar 2014 in Teheran zusammen, um über einen langfristigen Rettungsplan und Maßnahmen zu beraten. „Wir bauen im Rahmen der 'Berliner Initiative für Zentralasien' ein regionales Wassermanagement auf“ berichtete Lutz Mez vom Berliner Centre for Caspian Region Studies (BC CARE) der Freien Universität. Auch die „Initiative Group Urmia Lake“ (IGUL) unter Beteiligung deutscher Wissenschaftler präsentierte im Juli 2013 einen Zehn-Punkte-Plan zur Rettung des Urmiasees und dessen Ökosystem.

Wissenschaftler und Aktivisten haben begonnen, die Menschen in der Region auf die Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen, sie für eine bewusstere Lebensweise zu sensibilisieren und damit ein Umdenken zu fördern. Dazu zählt die Einrichtung von Bildungsprogrammen im Umweltbereich. Die lokale Bevölkerung muss verstehen, dass Wasser seinen Preis hat und zukünftig nicht mehr als kostenfreie, öffentliche Quelle dienen kann. Die Einführung von Wasserpreisen und eine weise Nutzung von Wasser in der Landwirtschaft etwa durch sparsamere Tröpfchenbewässerung sind grundlegende Maßnahmen, so der Residierende Koordinator der Vereinten Nationen in Iran Gary Lewis, der sich während seiner Besichtigung über den Zustand des Urmiasees schockiert zeigte. Er betont, dass das illegale Abschöpfen des Grundwassers durch die Errichtung von Brunnen sowie das Abpumpen von Oberflächenwasser gestoppt werden muss. Des Weiteren wird UNDP eine Plattform für den Austausch zwischen den verschiedenen Interessengruppen und unter Einbindung der Zivilgesellschaft bieten, um wirtschaftliche und politische Interessen zusammenzubringen.

Der Wasserpegel im Urmiasee geht mit zunehmender Verdunstung zurück. Stein-Salz-Formationen treten in Erscheinung. Fotos: photoblog.ir
Der Wasserpegel im Urmiasee geht mit zunehmender Verdunstung zurück. Stein-Salz-Formationen treten in Erscheinung. Fotos: photoblog.ir

Zu den von Experten empfohlenen Maßnahmen zählt auch der Anbau von Pflanzen mit einem geringeren Wasserbedarf wie etwa Pistazienbäume. Reguliert werden soll die Wasserzuflussmenge aus Flüssen, die in den Urmiasee fließen. Zudem wird ein Baustopp für Staudämme empfohlen und auf die Nutzung erneuerbarer Energien gesetzt. Um die Region vor zunehmender Desertifikation und Salz- und Sandstürmen zu bewahren, sollen Aufforstungsprogramme entwickelt werden.

Andere, teils umstrittenere Konzepte zur Dürrebekämpfung beinhalteten die Weiterleitung des Wassers aus dem Kaspischen Meer oder die Bildung von künstlichen Regenwolken.

Aussicht auf Erfolg

Die Zeit drängt. Die Umweltbehörde der betroffenen Provinz erklärte, dass die Wiederbelebung des Urmiasees bis zum Sommer 2014 angegangen werden muss. Jede Verzögerung jenseits dieses Zeitfensters würde eine unumkehrbare Entwicklung zur Folge haben. Doch eine solche Unternehmung kommt bei der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage dieses Landes eher einer Mammutsaufgabe gleich.

Protestaktion von Umweltaktivisten am Urmiasee am 1. April 2014 (Umwelttag in Iran)
Protestaktion von Umweltaktivisten am Urmiasee am 1. April 2014 (Umwelttag in Iran). Quelle: Yurdnet

Den anfänglichen Bemühungen und Versprechungen der Regierung sind bislang keine konkreten Umsetzungsmaßnahmen gefolgt. Immerhin bezifferte die Umweltbehörde des Landes die Kosten der Wiederbelebung des Urmiasees auf über 20 Milliarden US-Dollar. Diese Kosten wurden allerdings vom Wirtschaftsministerium um das Zehnfache auf 200 Milliarden US-Dollar korrigiert. Die Umweltaktivisten des Landes stehen unter enormem Druck. In der Vergangenheit wurden Protestaktionen, mit denen Umweltschützer auf die Situation des Urmiasees aufmerksam machen wollten, politisiert und brutal niedergeschlagen. Allein in den vergangenen Wochen sollen in der Stadt Urmia zehn Umweltaktivisten verhaftet worden sein, die die Öffnung der Wasserschleusen forderten. Trotz der Versprechungen sieht es so aus, als habe die Regierung den See schon aufgegeben. Den Menschen bleibt nur abzuwarten und zu hoffen, dass das Schlimmste doch noch verhindert wird.

Shahab

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