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IPCC-Klimabericht: „Wir müssen uns entscheiden“

Sechs Personen sind auf dem Plenum zu erkennen

Präsentation des IPCC-Syntheseberichtes unter Mitwirkung von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. Foto: UN Photo/Amanda Voisard

„Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden uns die Möglichkeiten, den Temperaturanstieg zu begrenzen, in den nächsten Jahrzehnten entgleiten.“ 

Dies betonte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon bei der Präsentation des neuen IPCC-Syntheseberichtes am 2. November 2014 in Kopenhagen. Der Bericht fasst die wichtigsten Erkenntnisse der in den zurückliegenden Monaten veröffentlichten drei Teile des Fünften Sachstandsberichts des Weltklimarates IPCC zusammen. 

In Kopenhagen hatten in der vergangenen Woche Regierungsvertreter und Wissenschaftler aus aller Welt um einzelne Formulierungen gerungen. Nun wurde der Synthesebericht einstimmig angenommen und bildet die wichtigste wissenschaftliche Grundlage für die bevorstehenden Verhandlungen bei den UN-Klimakonferenzen im Dezember 2014 in Lima/Peru und ein Jahr später in Paris. 

Achim Steiner, der Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms UNEP, erklärte zum politischen Stellenwert des Syntheseberichts: „Der jüngste IPCC-Bericht liefert uns nicht nur die neuesten wissenschaftlichen Klimaerkenntnisse und Daten, sondern auch ein besseres Verständnis der besten Handlungsoptionen. Der Weltklimarat bietet also das Fundament und einen Kompass für die Verhandlungen in Lima in diesem Dezember und 2015 in Paris.“

Der Klimawandel ist real

In den letzten Jahren haben mehr als 800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über 30.000 wissenschaftliche Beiträge zu Klimafragen ausgewertet und die wichtigsten Ergebnisse in drei Berichten zusammengefasst, die zusammen einen Umfang von mehreren Tausend Seiten haben. An dem Prozess der Auswertung, Bewertung und Überprüfung waren viele Tausend weitere Klimaexperten aus mehr als 80 Ländern beteiligt. 

Der erste Teil des Berichtes, erschienen im September 2013, behandelt wissenschaftliche Grundlagen von Klimaveränderung.

Der zweite Teil zu Auswirkungen, Anpassung und Verletzlichkeit wurde im März 2014 veröffentlicht. Er ermutigt dazu, die vielfältigen Risiken zu erkennen und entschlossen zu handeln. 

Der dritte Teil mit Maßnahmen zur Begrenzung des Klimawandels ist im April 2014 präsentiert worden. 

Die Auswertung der wissenschaftlichen Fachliteratur durch die IPCC-Experten hat zum Ergebnis, dass sich die Temperaturen an der Erdoberfläche seit 1880 um 0,85 Grad Celsius erhöht haben. Hauptursache ist, dass die Konzentration von CO2, Methan und Lachgas seit mindestens 800.000 Jahren nicht so hoch war wie heute. Eine Folge trifft alle Küstenstaaten: Die weltweiten Meeresspiegel haben sich zwischen 1901 und 2010 um 19 Zentimeter erhöht. Außerdem hat die Zahl der Extremwetterereignisse dramatisch zugenommen. 

„Es gibt noch ein Zeitfenster von zwei bis drei Jahrzehnten, in dem der Klimawandel zu akzeptablen Kosten gebremst werden kann. Beginnt man erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts, kann man nur noch wenig tun.“

Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Ko-Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe „Klimaschutz“

Die wissenschaftlichen Vorhersagen für die zukünftige Entwicklung des Klimawandels lassen erkennen, wie sehr der Umfang der Erderwärmung davon beeinflusst wird, in welchem Maße in den nächsten Jahrzehnten wirksame Maßnahmen zum Klimaschutz ergriffen werden. IPCC-Vorsitzender Rajendra Pachauri betonte bei der Präsentation des Berichtes: „Wir haben nur wenig Zeit, bis sich das Fenster für die Möglichkeit zur Begrenzung auf 2 Grad Celsius Erwärmung schließt … Wir haben diese Möglichkeit, und wir müssen uns entscheiden.“

Um den globalen Klimaanstieg auf 2 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, sind nach Erkenntnissen der Experten rasche Investitionen in den Klimaschutz erforderlich. Ziel muss es sein, die klimaschädlichen Emissionen bis 2050 um 40 bis 70 Prozent zu vermindern und bis 2100 den Nullpunkt zu erreichen. Dem IPCC-Bericht ist die Prognose zu entnehmen, dass die dafür entstehenden Kosten das jährliche durchschnittliche Wirtschaftswachstum auf der Welt lediglich um etwa 0,06 Prozent vermindern würden. 

Angesichts der Ergebnisse der IPCC-Studienarbeit erklärte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon in Kopenhagen: „Mit dem neuesten Bericht hat die Wissenschaft erneut gesprochen und dies mit einer weit größeren Klarheit. Die Zeit ist nicht auf unserer Seite … Die politischen Führer müssen jetzt handeln.“

Auch Politiker sehen Anlass zum Handeln 

„Diejenigen, die sich entscheiden, die (Erkenntnisse der) Wissenschaft zu ignorieren oder zu bestreiten, die in diesem Bericht so klar dargelegt worden sind, tun dies unter großem Risiko für uns und für unsere Kinder und Enkelkinder.“ Das erklärte US-Außenminister John Kerry nach der Veröffentlichung des Syntheseberichts und fügte hinzu: „Je länger wir in einer Debatte über Ideologie und Politik feststecken, umso mehr werden die Kosten der Tatenlosigkeit steigen und steigen.“

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks kommentierte die IPCC-Erkenntnisse so: „Der Bericht ist alarmierend und ermutigend zugleich. Alarmierend sind die dramatischen Folgen des Klimawandels, an dessen Ursachen es keinen ernsthaften Zweifel mehr gibt. Ermutigend ist dagegen: Wir kennen die Werkzeuge, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Bis Mitte des Jahrhunderts muss die globale Energieversorgung weitgehend klimaneutral sein.“ 

Bundesforschungsministerin Johanna Wanke stellt die Bedeutung der Forschung für die Klimapolitik heraus: „Der IPCC-Bericht schärft unser Bewusstsein, dass wir gerade durch Forschung unser Klima positiv beeinflussen können.“ Nötig seien weltweit mehr umweltfreundliche Innovationen. „Der IPCC-Bericht ist daher auch ein Signal an die internationale Forschungspolitik, klimafreundliche Technologien stärker zu unterstützen.“

Dänemark, das Gastgeberland der IPCC-Beratungen, beließ es nicht bei allgemeinen Absichtserklärungen. Klimaminister Rasmus Helveg Petersen kündigte an, sein Land werde bis 2025 ganz auf Kohle als Brennstoff verzichten: „Dieser Report hat mich überzeugt, dass wir fossile Brennstoffe früher als gedacht auslaufen lassen müssen.“ Zu den Erkenntnissen des Ministers gehört: „Je größer das Problem wird, desto teurer und schwieriger wird es für uns und unsere Kinder, es zu lösen.“

Beeindruckende Eisformationen
Ohne eine ambitionierte und wirkungsvolle Klimapolitik ist das polare Eismeer mit seinen beeindruckenden Eisbergen akut gefährdet. Foto: UNEP

Reaktionen von Umwelt- und Klimaschutzorganisationen

Der IPCC-Sachstandsbericht bestätigt die Auffassung vieler Umweltschutzorganisationen, dass ein rasches und entschlossenes Handeln zum Schutz des Klimas dringend erforderlich ist. So erklärte zum Beispiel Hubert Weiger, der Vorsitzende des „Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (BUND): „Schriller können die Alarmglocken nicht sein. Es gibt keine Entschuldigung mehr für das Zögern beim Umweltschutz.“

Eberhard Brandes, geschäftsführender Vorstand des WWF Deutschland, kommentierte: „Das Mandat an die Politik ist glasklar. Wer angesichts dieser Erkenntnistiefe weiter zögert, handelt verantwortungslos.“

„Wenn die globale Erwärmung weiterhin im aktuellen Tempo verläuft, werden weitere Millionen Menschen in Entwicklungsländern vom Hunger bedroht sein“, stellte Sven Harmeling von der Entwicklungsorganisation CARE nach der Veröffentlichung des Berichts fest: „Der Klimawandel ist eine extreme Ungerechtigkeit für die Ärmsten der Welt, und wir haben eine moralische Verpflichtung, etwas zu unternehmen.“

Eine Zusammenfassung (Summary for Policy Makers) des Syntheseberichts finden Sie als pdf-Datei auf der IPCC-Website. 

Die Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle hat wichtige Erkenntnisse des Berichtes auf Deutsch zusammengestellt.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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