Klimaflucht

Bedrohen Klimakriege die Zukunft der Menschheit?

Ein Man reitet durch einen Sandsturm

In Dürregebieten der Welt, wo viele Menschen um das Überleben kämpfen müssen, verschärft der Klimawandel die gesellschaftlichen Konflikte. Foto: Jaspreet Kindra/IRIN

Löst der Klimawandel kriegerische Auseinandersetzungen aus? Diese internationale Debatte ist neu entfacht worden durch eine Studie in Boulder/USA. Einer der Autoren der Studie, der Geografieprofessor John O’Loughlin fasste die Ergebnisse der Forschungsarbeit in neun ostafrikanischen Ländern so zusammen: „Verglichen mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren tragen die Klimafaktoren tatsächlich nur in recht bescheidendem Umfang zum Konfliktrisiko bei.“

Die US-Forscher haben die Klimadaten der Jahre 1990 bis 2009 in Beziehung gesetzt zu den Daten von mehr als 16.000 gewaltsam ausgetragenen Konfliktfällen in Burundi, Djibouti, Eritrea, Äthiopien, Kenia, Ruanda, Somalia, Tansania und Uganda im gleichen Zeitraum. Dabei erwies sich, so John O’Loughlin, dass der Zusammenhang von Klimawandel und Konflikten in Ostafrika „unvorstellbar komplex“ ist. Deshalb warnt er davor, Konflikte auf die Klimafrage zu reduzieren und den übrigen Kontext zu ignorieren.

Ein Ergebnis der Studie lautet, dass die Bedeutung der Klimaveränderungen für den Ausbruch gewaltsamer Konflikte von Land zu Land unterschiedlich ist. In den Computerauswertungen zeigte sich, dass Klimafaktoren in einzelnen Ländern die fünffache konfliktverschärfende Wirkung haben als in anderen ostafrikanischen Ländern. Auch deuten die ausgewerteten Daten darauf hin, dass stark steigende Temperaturen das Risiko gewaltsam ausgetragener Konflikte erhöhen, während Regenzeiten sie vermindern. Die Wissenschaftler sind in dieser Studie rasch auf Grenzen gestoßen, weil Berechnungen über einen längeren Zeitraum und über eine große Region schnell eine riesige Zahl kontextueller Bedingungen unberücksichtigt lassen.

Darfur – das Beispiel eines „Klimakrieges“?

Vor einem Flüchtlingslager stehen Frauen um eine Reihe von Wasserkanistern herum.
Der Krieg in Darfur wird nicht nur, aber auch durch den Klimawandel verschärft. Unter den Opfern sind viele Frauen, die in Flüchtlingslagern leben und tagtäglich für Wasser anstehen müssen. Foto: UNEP

Der Krieg in Darfur im Westen des Sudan ist ein Beispiel dafür, wie schwer der Zusammenhang von Klimawandel und Konflikten zu erfassen ist. Nach Auffassung der US-Wissenschaftler ist die Darfur-Krise kein Ergebnis des Klimawandels, sondern von lokalen politischen und sozialen Umständen. Demgegenüber hat das UN-Umweltprogramm UNEP die Bedeutung der Verschlechterung der Umweltbedingungen als verschärfender Faktor des Konflikts herausgestellt, vor allem die Schädigungen des Ackerlandes und die Ausbreitung der Wüsten. So habe sich die Wüste in den letzten vier Jahrzehnten um 100 Kilometer nach Süden ausgedehnt. Die verschlechterten Umweltbedingungen sind nach UNEP-Einschätzung nicht nur ein Ergebnis des Klimawandels, aber eben auch dieser Veränderungen. Andere Faktoren sind u.a. die unkontrollierte Vernichtung von Baumbeständen und die Übernutzung von Ackerflächen.

Hirten gegen Ackerbauern in Burkina Faso

Eine Herde Rinder grast auf einer Ackerbaufläche
Wenn sich Ackerbauern in Burkina Faso traditionelle Weideflächen aneignen oder Viehzüchter ihre Herden auf Feldern weiden lassen, schafft dies Konflikte, die durch die Folgen des Klimawandels verschärft werden. Foto: Anna Jefferys/IRIN

Wie vielfältig die Ursachen gewaltsamer Konflikte sind, zeigt auch ein Beitrag der UN-Nachrichtenagentur zu humanitären Themen IRIN vom 30. Oktober 2012 aus Burkina Faso. Dort gab es nach Regierungsangaben in den letzten vier Jahren etwa 4.000 gewaltsam ausgetragene Auseinandersetzungen zwischen Gruppen von Hirten und Ackerbauern. Dabei wurden mehr als 50 Menschen ermordet, zahlreiche Rinder getötet und viele Gebäude zerstört. Die Zahl solcher Auseinandersetzungen nimmt ständig zu. In diesen Konflikten geht es vor allem um die Kontrolle über fruchtbares Land und um den Zugang der Hirten zu Wasserquellen und Weideflächen.

Verschärft werden die Spannungen durch ein ganzes Bündel von Problemen, die von der Vergiftung von Wasserquellen durch Goldschürfer über eine rasch fortschreitende Vernichtung der letzten Waldgebiete bis zu ethnischen Konflikten reichen. Die Zunahme von Dürren und von Flutkatastrophen, die durch den Klimawandel verursacht werden, kann in solchen Auseinandersetzungen die Aussichten zu einer friedlichen Konfliktlösung deutlich vermindern.

Komplexe Zusammenhänge – kein Grund zur Untätigkeit

Es erweist sich also, dass es nicht angemessen ist, vorschnell von „Klimakriegen“ zu sprechen und dabei zahlreiche andere Konfliktursachen zu ignorieren oder zu bagatellisieren. Andererseits darf das konfliktverschärfende Potenzial von Klimaveränderungen nicht übersehen werden. Maßnahmen zur Begrenzung des Klimawandels bilden einen wichtigen Beitrag zur Konfliktverminderung in vielen Ländern der Welt, selbst wenn es schwierig ist, im Einzelfall genau zu bestimmen, welchen Anteil Klimaveränderungen an der Verschärfung lokaler Konflikten haben.

Christina Figueres, die Exekutivsekretärin des UN-Klimasekretariats UNFCCC, hat in einem Vortrag in Spanien im Februar 2011 gewarnt: „Es ist alarmierend, dass wir erkennen müssen, dass die Gemeinschaft der Nationen dann, wenn sie unfähig ist, den Klimawandel vollständig zu stabilisieren, unseren Lebensraum bedroht und ebenso unsere Möglichkeiten, Nahrungsmittel anzubauen und Wasser zu finden.“ Dies gefährde die Grundlage der Existenz der Menschheit. Sie warnte davor, dass die Ernteerträge in Afrika bis 2020 um bis zu 50 Prozent abnehmen könnten. „Die Erfahrungen in der jüngsten Vergangenheit in verschiedenen Teilen der Welt zeigen eindeutig, wie solche Situationen politische Instabilität verursachen und die Handlungsfähigkeit ohnehin fragiler Staaten unterminieren kann.“

Es ist ein Verdienst des Forschungsteams der „University of Colorado“, diese Diskussion neu belebt und zu einer differenzierten Betrachtung der komplexen Zusammenhänge beigetragen zu haben. Eine Einsicht in der Studie lautet: „Wir haben erkannt, dass unsere Fähigkeit zu generalisieren, begrenzt sind.“

Die Forschungsergebnisse sind im Rahmen der „Proceedings of he National Academy of Sciences“ veröffentlicht worden.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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